Distanzfahren

  • Zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts (bis vor dem 1.Weltkrieg) fanden eine Reihe von Distanzritten und Distanzfahrten statt mit zum großen Teil überwältigenden Leistungen.
    So ist z.B. ein Mann 1899 mit seinem Pferd von Saarbrücken bis Rom (1360 Km) in 12 Tagen geritten, ohne das Pferd zu ruinieren



    Im gleichen Jahr fand eine Distanzfahrt von Berlin nach Totis (Ungarn) über ca. 800 Km statt, die vom Schnellsten in nur 5 Tagen zurückgelegt wurden.



    Interessant in diesen Berichten sind die Vorbereitung, die Auswahl des Wagens, die Entscheidung Ein- oder Zweispännig, allein oder mit Groom zu fahren, oder auch die Fütterung unterwegs. Überraschend auch die Schwierigkeiten der Orientierung, der Sprachprobleme (es ging ja auch durch Tschechien und Ungarn).



    Strecke und Haltestationen waren frei wählbar, auch nicht vorher erkundet.



    Ein Herr z.B. hatte sich Pferde aus Kalifornien kommen lassen, die nach wochenlangen Transporten und Quarantänen drei Wochen vor Start in entsprechendem Zustand bei ihm ankamen. Mit solchen Pferden und einer solchen Vorbereitung mußte er bald aufgeben.


    Darüber sind natürlich Berichte verfasst worden, die der Verlag Olms vor ein paar Jahren neu aufgelegt hat.



    1. Philipp Czeipek, "Die Herren-Distanzfahrt Berlin Totis 1899, Georg Olms Verlag Hildesheim, ISBN 3-487-08386-8



    2. C. von Heydebreck, O. von Funcke, Rittmeister Spielberg "Dauerritte 1", Olms Presse 2001, ISB 3-487-08423-6



    Ich habe diese Bücher von Schweizer Forumsfreunden erhalten und in Einem durchgelesen.



    In jedem Falle äußerst lesenswert.



    Eine persönliche Bemerkung zu Distanzfahrten: Mit Freunden hatten wir 1975 eine Distanzfahrt für Vierspänner Starnberg - Savar (ca. 700 Km) ausgeschrieben anläßlich des Jubiläums von SKH Prinz Ludwig und seines Bruders SKH Prinz Rasso von Bayern, die mit 16 Vierspännern im Frühjahr 1945 von ihrem Gestüt Savar vor der Roten Armee nach Leutstetten bei Starnberg geflohen waren. Wir hatten auch Prinz Ludwig als Schirmherren gewonnen.
    Eine der Bedingungen in der Ausschreibung war, dass kein Tross (LKW, SUV etc.) erlaubt war. Alles, was man brauchte oder glaubte zu brauchen, hatte auf dem Wagen mitgenommen zu werden, Natürlich waren Schmiede, Tierärzte,, Futter, Stallungen, Quartiere vorbereitet.
    Interessanterweise hat sich keiner gemeldet.



    A. Nemitz

    A. Nemitz

  • das erste Buch hab ich auch in einem Rutsch geschmökert; viele Vorbereitungen die ins Leere gelaufen sind, manches Mal überrascht die Zusammenarbeit der (eigentlich) Konkurrenten, man leidet mit den beschriebenen Umständen, im Endeffekt hat mich die falsche/richtige Einschätzung der Tiere am meisten fasziniert; auch da war Wettbewerbsbedingung, daß die Tiere am Tag nach der Ankunft in Totis noch eine "normale" Leistungsanforderung hinter sich bringen mußten, sie durften also nicht zu Tode geschunden werden, wenn man das Rennen gewinnen wollte ...


    und das alles ohne Navi und mit begrenzt genauem Kartenmaterial

    Finsternis kann keine Finsternis vertreiben. Das gelingt nur dem Licht.
    Hass kann den Hass nicht austreiben. Das gelingt nur der Liebe.
    »Kraft zum Lieben« Rede 1963, Martin Luther King (1929-1968)

  • Hallo,


    danke für die Buchtipps, sehr spannend!


    Das Distanzfahren in moderner Zeit hat sich analog zum Distanzreiten weiterentwickelt, wobei es im Gegensatz zum Distanzreiten ein Amateursport geblieben ist. Heute wissen wir viel mehr als damals über die Leistungsfähigkeit des Pferdes, das optimale Management auf der Strecke und die tierärztliche Beurteilung. Heute gibt es alle ca. 20 km und im Ziel Tierarzt-Kontrollen. Nur wenn das Pferd 100% fit ist, darf man weiter - oder kommt überhaupt in die Wertung.



    Heute wird im Distanzsport fast ausschließlich Einspännig im Sulky (mit nur dem Fahrer auf dem Wagen- Regel ist: Soviele Leute auf dem Wagen wie Pferde davor) gefahren, da hier zum Einen das Zuggewicht pro Pferd günstiger ist als beim Mehrspänner und zum anderen der Fahrer das Rennen optimal für das eine Pferd und seine Bedürfnisse, Stärken und Schwächen gestalten kann. Beim Mehrspänner muss man da Kompromisse machen... und hat schließlich natürlich ein höheres Risiko, disqualifiziert zu werden, denn hat z.B. ein Pferd eine Scheuerstelle oder ist erschöpft, ist das Rennen für das ganze Gespann vorbei. Rassetechnisch ist alles dabei, die schnellsten Pferde stehen hoch im Blut (Traber und Araber), aber auch viele Ponys laufen lange Strecken sehr erfolgreich. Mein nur 90cm großes Shetty lief bereits bis 90 km/Tag und 183 km in 3 Tagen...


    Gruß Tina

    Einmal editiert, zuletzt von greenorest ()

  • Danke für den Beitrag und die Buchtipps. Auch mich interessieren diese Berichte sehr. Immer wieder stoße ich in den Büchern (Pape, Fellgiebel usw. ) auf kurze Erwähnungen dieser "historischen" Stern-, Distanz- bzw. Marathonfahrten, hier 3 Beispiele (aus "neuerer" Zeit):
    - 1934 Major v. Szandtner von Bad Ems nach Aachen
    - 1962 Oberst Ruckstuhl von München nach La Neuveville
    - 1960 Joop v. d. Touw von Istanbul nach Rotterdam


    Leider kenne ich keine gedruckten Dokumente über diese Fahrten. Evtl. gibt es in Memoiren, zeitgenössischen Tageszeitungen o.ä. Berichte über diese Ereignisse.


    Gruß
    Walter

    Der wahre Pferdemann ist derjenige, der seine Pferde entsprechend den jeweiligen Anforderungen richtig anspannt, fährt und einsetzt

    A. Nemitz

  • Wahrscheinlich brauchte man damals noch kein Carnet ATA, eine Traces Meldung und einen Coggins-Test. Dafür gab es möglicheweise andere Widerwärtigkeiten.

  • die anderen Widerwärtigkeiten vermutlich, Schengen wurde erst seit 1985 schrittweise ausgebaut

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  • War die Fahrt von Oberst Ruckstuhl nicht 1972 zu den Olympischen Spielen in München ?


    Er fuhr ca. 1 Km von unserem Hof entfernt vorbei, ichhabe noch die Spuren der Eisenreifen auf dem Asphalt der B-2 gesehen.


    A. Nemitz


    Das kann gut sein. Ich habe hier den Max Pape zitiert (Die Kunst des Fahrens). Dort steht als Begleittext zur Bildtafel das Jahr 1962. Die Erstausgabe ist ja deutlich vor 1972 erschienen. Somit könnte es sich hier durchaus um einen Druckfehler der Neuauflage handeln.


    Ruckstuhls Spuren der Eisenreifen auf dem Asphalt - - solche Erinnerungen geben bestimmt lebenslange Gänsehaut . . . (bei mir jedenfalls).


    Gruß
    Walter

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    A. Nemitz

  • Ruckstuhls Spuren der Eisenreifen auf dem Asphalt - - solche Erinnerungen geben bestimmt lebenslange Gänsehaut . . . (bei mir jedenfalls).


    Gruß
    Walter

    Noch eine Story zu den Reifensopuren auf Asphalt: Vor Jahren hatte ich für eine Reise München - Verona die Buchung einer Dame aus England. Aus irgendwelchen Gründen konnte sie nicht rechtzeitig zum Abfahrtszeitpunkt in München sein. Da sie mehrere Tage verspätet ankam, nahm sie sich in München ein Taxi und folgte unseren Reifenspuren durch Oberbayern, Tirol, Brenner bis zum Gardasee, wo sie uns dann in Malcesine traf und die restlichen Tage mitfuhr.


    A. Nemitz

    A. Nemitz

  • ... und sicher auch eine "tolle Taxameter- Abrechnung" <X


    Zu Rad- bzw. Reifenspuren könnte ich auch eine Begebenheit beitragen. Das gehört aber nicht in's Thema: "Distanzfahren"


    Heute wird im Distanzsport fast ausschließlich Einspännig im Sulky (mit nur dem Fahrer auf dem Wagen- ..... gefahren, .....

    Nun, wer kann es sich denn zeitlich und finanziell leisten, mit einem Mehrspänner und den erforderlichen Zusatzleistungen (entsprechende Vorbereitung / Training, entsprechende Kutsche, Hilfspersonal, etc. etc. ...) an einer solchen Distanzfahrt über meist mehrere hundert Kilometer teilzunehmen ... ?
    Ein hochinteressantes Erlebnis wäre so etwas alle mal :]

    Kaltblutpower.
    Wehe, wenn sie losgelassen
    :D


    > ein „Mehr“ muss nicht immer auch ein „Besser“ bedeuten <


    Bewahren von Traditionen ist nicht das Anbeten von Asche, sondern die weitergabe des Feuer's
    (frei nach Gustav Mahler)

  • Nun, wer kann es sich denn zeitlich und finanziell leisten, mit einem Mehrspänner und den erforderlichen Zusatzleistungen (entsprechende Vorbereitung / Training, entsprechende Kutsche, Hilfspersonal, etc. etc. ...) an einer solchen Distanzfahrt über meist mehrere hundert Kilometer teilzunehmen ... ?Ein hochinteressantes Erlebnis wäre so etwas alle mal :]

    Mein Bestreben war und ist auf allen meinen Reisen, die Logistik und den "Tross" so klein wie möglich zu halten. Das Minimum einer solchen Reise war, mit dem Fünfspänner und der Coach von Lindau durch die Via Mala und über den Splügenpass nach Como zu gehen. Außer mir (und den Passagieren) war nur die Tochter eines Vorarlberger Bergbauern als Groom dabei, die mal bei mir einen Vierspännerkurs gemacht hatte; kein Auto, kein Gepäcktransfer, es ging alles wunderbar, bis die junge Dame mir bei der Ankunft in Como mitteilte, sie müsse morgen früh daheim wieder arbeiten und ich möge sie bitte doch am Bahnhof Camerlata in Como absetzen. Ich bin dann allein durch den abendlichen Stoßverkehr von Como die 15 Km hinaus zum Stall gefahren, dort war (Montag) gerade Ruhetag, so durfte ich meine 5 Pferde allein ausspannen, ausschirren und mir die Boxen suchen, aber auch das ging letztlich problemlos.


    A. Nemitz

    A. Nemitz