Wanderfahren ohne Gebiss

  • @Alle: Gegen die "Forenmüdigkeit" möchte ich mal wieder dieses Thema hervorholen weil es immer noch ein Reizthema ist. Es geht mir nicht um eine Diskussion um das Für und Wider. Auch die Versicherungsfrage soll kein Thema sein. Ich habe festgestellt, daß einige von uns ohne Gebiss fahren und möchte diese mal auffordern, ihre Zäumung im Detail vorzustellen. Es gibt ja ganz verschiedene Möglichkeiten, vom Sternrad, Bosal, Sidepull, Hackamore, Bitless bridle etc. Ich fahre bisher mit einer festen Stange und Liverpoolkandare und möchte evtl. auf gebisslos umsteigen um meinem Pferd bei Wanderfahrten das einfachere Fressen in Pausen zu ermöglichen.
    Gruß FRITZ

  • Ich hab meinen (älteren, sehr braven) Isländer jahrelang gebisslos geritten und anfangs auch gebisslos gefahren.


    War ein Sidepull mit recht schmalem, aber gepolsterten Nasenriemen, auf den das Tier völlig zuverlässig reagierte.
    Ich fand ebenfalls insbesondere den Aspekt, einfach schnell in Pausen Kopf runter und fressen können sehr nützlich - ebenso beim einfahren: immer mal Steh-Pausen, Nase ins Gras, entspannen. Nach einer Weideverletzung seitlich am Kopf, sodass der Nasenriemen da voll drauf drückte, hab ich vorübergehend auf Gebiss gewechselt - und bin dann aus Versicherungsgründen dabei geblieben, weil das Pony damit nicht wesentlich unzufriedener lief (ursprünglicher Grund für gebisslos war jahrelanges Kopfschnicken oder massive Gegenwehr gegen alles im Maul).


    Für Wanderfahrten bin ich hin und her gerissen. Schnelles, einfaches Fressen (jetzt hab ich ein Kopfstück mit BIthanger, kann das Gebiss also sofort ausklipsen und gut) vs mehr Sicherheit insbesondere in fremder Umgebung. Die letzten vier Fahrten hatte sie Gebiss in der Schnute.

  • Hallo, @ll,


    ich hoffe, @Fritz findet es nicht als abwegig - ich habe aus dem gleichen Grund für mein Pferd einen Wanderreitzaum
    (s. dort: http://www.witex-gebrwinz.com/…22&Itemid=13#wanderreiten angeschafft. Laut Sattler geeignet zum Reiten und Fahren.


    Was hier eindeutig festzustellen ist, ist die schwammige Lage der Kandare. In Leder liegt sie wesentlich ruhiger. Meinem Pferd gefällt das Arrangement überhaupt nicht. Vielleicht funktioniert @lungomares Lösung besser.


    @Mythos
    Gibt es irgendwo bindende Vorschriften, daß Du ein Fahrgebiß brauchst oder ist das die allgemeine Meinung zur Sache?


    Es grüßt mit Hü und Hott
    Die Ardennerin

  • Auch wenn ich einige meiner Pony in umgezäunten Gelände gebißlos Dressur/Platzfahr, wird die Gefahr, dass die mal heftig wegen X reagieren mit mehr Kondition höher, logo mit großer Routine kommen die auch schnell wieder runter, aber die Kräfte die bei X walten werden generell eher größer mM nach.
    ich hab nach paar bildenden Ereignissen immer Unterziehhalfter drunter, mittlerweile spezielle Biothanehalfter (vorn ohne beschläge lage exakt unterm jochbein). so bind ich gad nach Abspannen alle via unterziehhalfter seitlich am Wagen fest und zieh dann pony für pony die Kopfstücke runter, dauert echt nicht wesentlich länger als aushaken eines gebißes. Ardennerins Wanderreitzaum hat für mich die gleichen Nachtiele wie Sielteckopfstücke: richtig präzise leinenwirkung ist nicht gegeben, brauch ich aber jedoch bei Langstrecke auch nicht bzw nur sehr kurzfristig und da stört mich dann die schwammige Lage am Pferdskopf nicht. mfg Kirsten
    P.s.: Als Fahrer der chronisch unterernährten Fraktion, die sogar im Galopp noch grasen (wenn man doch so ne praktische größe hat, wo es Gras nahezu ins maul wächst...), hab ich den Kampf: "wir grasen nicht bei der Arbeit" eh schon lang verloren...Kompromiss hier: es darf gegrast werden, so lang das tempo gleichmäßig bleibt.

    Edited once, last by Bennyblue ().

  • Meine Spezialtiere können mit den verschiedensten Gebissen im Maul fressen, auch mit Kandare - nur nicht so schnell. Wanderfahrten habe ich lange nicht gemacht, aber Fußwanderungen mit Packtieren. Zur Sicherheit - unbekanntes Gelände usw. - tragen die Esel dabei einen Trensenzaum mit einer dünnen, einfach oder doppelt gebrochenen Wassertrense unter dem Führhalfter, damit können sie in kurzen Pausen problemlos fressen. In langen Pausen kommt das Gebiss raus. Bei Wanderfahrten würde ich aber beim Stangengebiss bleiben, in Kombination mit Unterziehhalfter, damit in Pausen schnell das Kopfstück runter kann. Bei mir ist kein Fressen erlaubt, solange der Fahrer auf dem Bock ist.

  • Es gibt jede Menge Urteile zum Thema und da geht es nicht um irgendwelche privatrechtlichen Haftungsfragen, da hilft die Versicherung. Es geht ums Strafrecht bei Personenschäden. Der Vfd hat z. B. einiges zusammengestellt. Noch nicht einmal Führen mit Stallhafter geht im Straßenverkehr. Vielleicht ist der neue Kutschenführerschein doch nötig um das allernötigste Rechtswissen zu verbreiten, auch wenn ich andere Aspekte des Kutschenführerscheins nicht so überzeugend finde.

  • Lieber Mythos, danke für Deinen Hinweis. Ich bin auch in der VFD und werde mich da mal schlau machen. Daß das Führen mit Stallhalfter im Strassenverkehr strafrechtlich relevant sein soll, kann ich aber nicht glauben. Wie soll man das denn sonst machen ?
    Mir ging es bei der Eröffnung des Themas erst mal um die rein technische Vorgangsweise, ob ich das wirklich mal anwende, ist noch völlig offen. Ich möchte auch niemand dazu animieren.
    Gruß FRITZ

  • .....Gibt es irgendwo bindende Vorschriften, daß Du ein Fahrgebiß brauchst oder ist das die allgemeine Meinung zur Sache?
    .....


    Soweit ich weiß´, ist das weder in D noch in Ö konkret in einem Gesetz oder Verordnung geregelt. Es ist allerdings „gängige Rechtsprechung“. Und bei dieser orientieren sich die Richter an vorhergehende Urteile und Stellungnahmen von Sachverständigen (deren Wissen ich nicht in Zweifel stellen will - es sich aber sicher auf dem eigenen Umgang mit Pferden und Meinungen von „gewichtigen Persönlichkeiten“ gründet). Wenn solche Urteile von den Höchstgerichten ergehen, haben sie quasi Gesetzescharakter. Ich weiß nicht, ob es diesbezüglich beim Fahren bereist ein Höchstgerichturteil gibt (beim Führen, soweit ich weiß, noch nicht).


    Nach einem Unfall mit mehreren Verletzten mit einem im Gelände geführten Pferd wurden Bekannte von mir sowohl in straf- wie auch zivilrechtlichen Prozessen frei gesprochen, weil ihnen kein Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte. Stolz erklärte mir einer dieser, ein gestandener Rosserer und Fahrlehre: „Nur mit was im Maul, kannst ein Pferd zruckhalten!“
    Ich dazu: „Wieso ist euch dann die Stute durchgegangen?“
    Er nach etwas verlegener Pause: “Aber es ist so, glaub mir! Wenn wir mit Halfter geführt hätten, wären wir schuldig gesprochen worden.“


    Mein „Spezialtier“ fahre ich sowohl als auch. Bei den regelmäßigen Ausfahrten fahre ich gebisslos mit dem unten abgebildeten Sidepull – bei Veranstaltungen mit Postkandare.
    Bei Wanderungen als Packtier geht mein „Spezialtier“ mit dem „Sidepull“ als Halfter oder bloß mit Stallhalfter – meistens frei. Ist eine Frage der Übung, Ausbildung und Einschätzung des eigenen Tieres.



    Meine "Normaltiere" fahre ich mit Postkandare. Ich kann sie zwar beim Holzrücken problemlos mit Stallhalfter und Stimme führen und kann sie auch mit Halfter fahren. Trotz Ausbildung zu "coolen" Verlasspferden, liegt in ihren Genen ein Fluchtverhalten, dass immer ein Risiko bleibt. Und dann glaub ich meinem Bekannten und lege mich auf die sichere Seite für den Fall, dass ich vor einem Richter stehe.

    Lange Ohren sind meine Leidenschaft! Deine auch?

  • Daß das Führen mit Stallhalfter im Strassenverkehr strafrechtlich relevant sein soll, kann ich aber nicht glauben. Wie soll man das denn sonst machen ?


    Das Führen, Reiten und Fahren von Pferden im Straßenverkehr ist nur mit Trense erlaubt. Einiges dazu hat die VFD hier zusammengestellt:


    Pferde im Straßenverkehr

  • Fahre nebst den Standard-Gebissen auch mit einem Bitless (keine Hebelwirkung, für sehr sensible Pferde im Maulbereich)


    wird unter dem Kiefer gekreuzt



    Die Gesetzgebung ist hier so ähnlich wie in D. Beherrschung und Kontrolle des Gespanns muss gewährleistet sein. Verschärft kommt noch dazu, dass es im Prinzip für pferdegezogene Fahrzeuge verboten ist auf Strassen zu fahren wo mehr als 70 km/h erlaubt sind. Und das betrifft so ziemlich alles was ausserorts ist! Auch lustig ist die Vorschrift, dass erst ab 5 Pferden! ein Beifahrer vorgeschrieben ist.


    renatus


    Und noch was für die Fahrsport-Interessierten:
    Auf Turnieren sind gebisslose Zäumungen und Hackamores nicht erlaubt!

  • Das Führen, Reiten und Fahren von Pferden im Straßenverkehr ist nur mit Trense erlaubt. Einiges dazu hat die VFD hier zusammengestellt:

    "nur erlaubt" heißt "alles andere verboten". Im Gesetz wird eine "ausreichende Einwirkung" verlangt bzw. vorgeschrieben. Sowie es auch im VDF Beitrag steht, ist dies ein "unbestimmter"(schwammiger) Rechtsbegriff.


    Letztendlich haben die von den Gerichten zu den Prozessen beigezogenenSachverständigen mit ihrer Interpretation dazu beigetragen, dass „gebisslos quasi verboten“ ist. Alle jene Sachverständigen, die ich persönlich kenne, kommen aus dem Turniersport, (Dressur, Western, Fahren), keiner aus dem Freizeitreitenoder Arbeitspferdebereich. Sie sind selbst mit dem Gebiss im Pferdemaul groß geworden.


    Eine ehrliche Äußerung hat im Vorjahr ein Innsbrucker Jurist (Name? – Dr.Peter Lechner ?) auf einer Veranstaltung des VDF getan: „Wenn ein Pferd wirklich durchgeht, kannst du es weder mit noch ohne Gebiss daran hindern.“
    Es sind also die Millisekunden davor, in denen ich „ausreichend“ einwirken können muss, um mein Zug-, Reit-, Führtier wieder „runter zu bekommen“. Hier meine persönliche Einschätzung: in diesem entscheidenden Moment, in dem der Fahrer, Reiter, Säumer richtig reagieren muss, wirkt am besten, „am ausreichsten“ das,was gewohnt, angelernt ist. Da kann auch eine gebisslose Zäumung das Bessere, „Ausreichendere“ sein.
    Solange sich keine Sachverständigen finden, die sich auch eine ausreichende Einwirkungsmöglichkeit in konkreten Schadensfällen durch die gebisslose Zäumung zu attestieren getrauen, bleibt es bei einem „nur mit Gebiss erlaubt“!


    Deshalb zur persönlichen Minimierung des Haftungsrisikos: Auf die Knie vor unserer Rechtsprechung und nur mit Gebiss in die Öffentlichkeit!


    In einem Prozess, der bei uns in Ö in letzter Zeit in der einschlägigen Szene viel Beachtung fand, ging es auch um das Führen eines Tragpferdes auf Bergpfaden. Als der „Dressursachverständige“ den Richter bat, den Zeugen zu fragen, auf welcher Seite das Pferd (hier „Gott sei Dank“ mit Gebiss) geführt wurde,witterte dieser als gestandener Rosserer den ausgelegten Braten: „Auf den letzten Metern vor dem Unfall auf der rechten Seite, weil da war der Weg dazu eben und breit genug. Weiter unten ging der Säumer vor dem Pferd. Hätte er dort das Pferd so geführt, wie man es lernt, um es von der Box über die Stallgasse zum Reitplatz zu führen, wäre der Angeklagte sicher den Berg runter gekugelt.“


    Ich habe das Thema Sachverständige mit vernünftigem Praxisverstand mit Funktionären des VDFs diskutiert. Dort hofft man mit den „VDFSicherheitsexperten“ Berater für gerichtlich beeidete Sachverständige heran zubilden, die diese in Praxisfällen, die vom üblichen Pferdeeinsatz abweichen, kontaktieren können.


    Im Arbeitspferdebereich bereiten wir in Ö den „Zertifikatslehrgang Arbeitspferd“ vor. Diese vom Ministerium geregelte Bildungsmaßnahme wird auch einen Einfluss auf die Rechtsprechung haben. Da in der bewährten Praxis beim Arbeitspferd vieles anders ist, als im üblichen Pferdesport, wollen wir über diesen Weg für mehr Rechtssicherheit beim Arbeitspferd beitragen.

    Lange Ohren sind meine Leidenschaft! Deine auch?

    Edited once, last by Albert ().

  • ......
    Eine ehrliche Äußerung hat im Vorjahr ein Innsbrucker Jurist (Name? – Dr.Peter Lechner ?) auf einer Veranstaltung des VDF getan: „Wenn ein Pferd wirklich durchgeht, kannst du es weder mit noch ohne Gebiss daran hindern.“

    Na also, endlich ein Jurist mit genügend Menschen- und Pferdeverstand! Das ist ausbaufähig.


    In dem Zusammenhang unterstütze ich voll die Meinung von Albert "dass auch eine gebisslose Zäumung das Bessere/Ausreichendere sein kann".


    Sachverständige im Bereich gebisslos Reiten/Fahren gibt bzw. kann es ja nicht geben, da dies sozusagen verboten ist .... also wird sich da auch in Zukunft nichts ändern.


    renatus

  • Ganz ohne Juristerei: Ich habe einen älteren, ruhigen Freiberger, macht nie Probleme, weder beim Fahren noch beim Reiten, auch mit Kindern. Ich würde ihn aber ausserhalb des Stallgeländes nie ohne Trense führen (oder mit Stallhalfter und Kette unter dem Kinn durch). Sobald er irgendwo Gras sieht oder riecht bewegt er sich, zwar gemächlich, aber sehr bestimmt dahin, um zu fressen. Und nur mit einem Halfter habe ich keine Chance, die 550 kg von ihrer Absicht abzuhalten. Es ist nicht nur aus juristischen Gründen sinnvoll mit Gebiss (oder eben Kinnkette) zu führen, sondern auch praktisch sinnvoll.

    Edited once, last by Siro ().

  • Ich denke (hoffe!) , dass sich bei nicht so gut erzogene Pferde oder denen, bei denen Unsicherheit besteht, ohnehin die Frage "gebißlos" nicht stellt.


    Meine beiden Poloponys, top ausgebildet, erzogen und 110% verläßlich habe ich ausschließlich mit Halfter und einem Führstrick geritten.


    Meine neue totbrave, aber noch unbekannte Isistute hingegen selbstverständlich anfangs nur mit Gebiß geführt.


    Verbote hin oder her - das muss dann jeder für sich entscheiden.
    Und Gebiss in der Pause zum Fressen raus wäre dann auch hinfällig.


    Ebenso eine nicht versicherungstechnisch geforderte ggf. 3-reihige Umzäunung, wenn man nur einen leichten einreihigen Paddockzaun mitnehmen kann, etc.

  • Hier ein Bild von meinem "Spezialtier" mit Sidepull angespannt - speziell für FritzS bei meiner heutigen Caffee - Fahrt aufgenommen:


    Die anderen Bilder zeigen Situationen von heute:




    - auch das praktische "Auftanken" ohne Gebiss:


    Ein Gespann so frei in die Wiese zu stellen und sich derweil auf der Parkbank auszuruhen - das muss jeder für sich entscheiden, ob er das mit seinem Tier machen kann. Es soll keine Aufmunterung zur Nachahmung sein.

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  • Ich danke allen Diskussionsteilnehmern, besonders aber Albert für seine Beiträge. Deine Mulistute ist schon ein tolles Tier.
    Bezüglich des Fahrens ohne Gebiss werde ich mich wohl den Gegebenheiten fügen und es lieber bleiben lassen. Fressen tut mein Pferd sowieso ja auch mit Gebiss genug.
    Gruß FRITZ

  • Bin auch für gebissloses Führen, dann jedoch bitte nicht am Stallhalfter, das wie der Name schon sagt im Stall/beim Putzen genutzt wird.
    Außerhalb immer ein "Trainingshalfter" (auch wenn es einen ähnlich breiten Nasenriemen wie ein Stallhalfter hat).
    Sarkastisch gesagt: Schließlich gibt es auch viele Pferdehöfe mit "Bewegungshallen" wo keine "Reithallen" erlaubt waren ...


    Beim Fahren werde ich persönlich auch zum Gebiss greifen, um eben im Notfall evtl. noch "durchzukommen".
    Mit Kutsche auf der Straße ist die Gefahr des Kollateralschadens ja doch größer als ein einzelnes Pferd auf Nebenwegen.