Landtierarzt – quo vadis?

  • Unser altbewährter Pferdetierarzt ist vor wenigen Wochen in seinen wohlverdienten Ruhestand getreten. Wir stehen nun vor der Situation, dass die Tierarztgenerationen nach ihm, sich nicht mehr die Mühen eines Landtierarztlebens antun wollen. Bei Akutfällen erreichen wir keinen TA mehr, der bereit ist, zu uns auf den Hof zu kommen.


    Gestern war es so weit. Wir hatten unseren Stall frisch auskalken lassen. Der beauftragte „Ausweißer“ (ein Landwirt) hatte nach Fertigstellung den kleinen Rest des Kalkbreis (Kalkhydratlösung) aus seinem Rührtank in einen unserer Kübel gefüllt und sich verabschiedet. In der allgemeinen Hektik blieb der Kübel neben dem Brunntrog im Auslauf unserer beiden Eselseniorinnen stehen.


    Als ich nach einer Stunde wieder in den Auslauf kam, entfernte ich ihn. Aber da war es schon passiert. Die Eselneugier war zu groß, um nicht diesen weißen Patz kosten zu wollen. Beide Esel schäumten aus dem Maul. Die dominantere Dame hatte offensichtlich verhindert, dass ihre Kollegin mehr davon bekam als eine Zungenspitze. Ihr aber hing die geschwollene Zunge weit aus dem Maul. Als mir das Geschehen und die Situation bewusst wurden, habe ich ihr sofort mit einem Gartenschlauch die Maulhöhle gespült. Kaum eine Stunde später traten ihr seitlich neben der dicken Zunge die hellrot geschwollenen Backenschleimhäute aus dem Maulspalt.


    Ich setzte mich ans Telefon. Jetzt am späteren Nachmittag erreichte ich bei unseren Tierarztpraktiken nur mehr Anrufbeantworter. Einzig eine befreundete Pferdezahnärztin konnte ich erreichen. Sie verwies mich zuerst auf die Schweizer Tier-Giftdatenbank. Dort fand ich das, was ich ohnehin wusste: Laugen bewirken tiefgehende Verätzungen. Noch einmal ein Telefonat mit meiner TA Freundin: Schmerzmittel und Schleimhaut-abschwellende Mittel, damit zur Magenschonung eine Futteraufnahme eines dünnen Heukobsbreis möglich ist. Schmerzmittel als Paste habe ich zuhause. An eine orale Verabreichung war bei dieser Zungenschwellung nicht zu denken - also Injektionen. Diese hatte meine Bekannte nicht zuhause.


    Ich konnte bis in die Nacht hinein keinen Tierarzt erreichen, der meiner Eselin helfen wollte. Diese war von Atmung und Kreislauf her stabil. Dennoch ging ich beunruhigt zu Bett. Ich wusste ja nicht, wie weit die Verätzungen und die Tiefe der Schlundröhre reichten, und ob ich alle Kalkbrei-Reste ausspülen hatte können.


    Am Morgen die Erleichterung: Zunge drinnen, Schwellungen stark zurück gegangen, großer Hunger großes Fressen. Mit einem blauen Auge, bzw. brennender Zunge davongekommen. Weiße Kübel als Tränkekübel werden von meiner Eseldame künftig abgelehnt.


    Aber wo seid ihr, ihr jungen Tierärzte? Der Zustrom zur Vetmed muss mit Auswahlverfahren begrenzt werden, und wenn ihr fertig seid, seid ihr nicht mehr bereit, einem akut leidendem Tier auch in der Nacht zu helfen? :thumbdown:

    Lange Ohren sind meine Leidenschaft! Deine auch?

  • Kannst völlig vergessen, Tochter ist grad 3.Semester, echt mehr wie heftig was da studiert, die betreten keinen Stall mehr und haben von Arbeit null Ahnung. dass ist die Generation, die einen Dackel mit 18 krampfhaft am Leben erhält, obwohl der Multiorganversagen hat, Pferde über Monate in Schlingen hängt, weil Ihnen die Hufe wegfliegen, usw

  • Hier auch so ähnlich , das war vor Jahren aber auch noch anders .

    Es gab fast nur Großtierärzte die im Notfall grade noch um Hund und Katze behandelt haben ,

    jetzt ist das anders , bei uns gibt es fast keine Nutztiere mehr ,

    Milchkühe fast gar nicht mehr , nur ein paar Hobbyhalter mit Weidekühen ,Pferden und Schafen .

    Logisch das die Tä sich da auch anpassen müßen .

    Von meiner Tierärztin habe ich für echte Notfälle die Handynummer

    und sie war wegen einer schweren Kolik auch schon Nachts da .

    Genauso wie damals ihr Vater der im schicken Anzug direkt von einer Feier zu uns in den Stall kam .

  • Ich bin auch schon an einem Sonntag 150 km mit dem Pferd zum nächsten Tierarzt gefahren...

    Dort wo ich aufgewachsen bin, gab es vor 20 Jahren noch 20 Milchviehbetriebe, heute sind es noch drei. Der Tierarzt machte auch noch KB, so war auch am Wochenende immer ein Tierarzt von drei (Gemeinschaftspraxis im nächsten Dorf) auf Achse. Heute sind noch 3 Betriebe und durch moderne Melktechnik mit Früherkennung und eigenem Samentank haben sich die Tierarztkosten bei doppelt so grosser Herde halbiert.

    Als hier in Kanada die BSE Krise war haben viele Tierärzte auf Kleintiere umgestellt und/oder in die Stadt gezogen. Wenn die Kühe weniger als 200$ wert waren, war es wirtschaftlicher die Kuh den Koyoten zu verfüttern als den Tierarzt zu rufen.

    Kannst völlig vergessen, Tochter ist grad 3.Semester, echt mehr wie heftig was da studiert, die betreten keinen Stall mehr und haben von Arbeit null Ahnung. dass ist die Generation, die einen Dackel mit 18 krampfhaft am Leben erhält, obwohl der Multiorganversagen hat, Pferde über Monate in Schlingen hängt, weil Ihnen die Hufe wegfliegen, usw

    Es ist interessanter teure Medikamente, Chemo- und Bestrahlungstherapie zu verkaufen als gesunde Tiere nur einmal im Jahr zu impfen...

  • Hier auch eine ziemliche Katastrophe. Ähnlich wie bei Albert ist auch hier der bewährte Praktiker in den Ruhestand gegangen. Er hatte sich jahrelang vergeblich um einen Nachfolger bemüht - letztlich ohne Erfolg.


    Ich hänge auch in der Luft.

  • Ich weiß nicht wie es in Deutschland ist, aber bei uns herrscht sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande ein akuter Mangel an Tierärzten und Praxis Personal. In der Kleintierpraxis in der Stadt in der meine Tochter arbeitet, sind sie auf Monate ausgebucht und arbeiten Überstunden weil sie zuwenig Personal haben.

    Die Ausbildung zum Tierarzt ist lange und teuer (Studiengebühren) und viele wechseln während der Ausbildung in die Humanmedizin weil die Entlöhnung besser ist. Einer der Tierärzte der Klinik ist indischer Herkunft und hat sein Sohn (der in Kanada aufgewachsen) zurück nach Indien geschickt um die Ausbildung dort billiger zu machen.

  • Ich scheine hier in Frankreich verwöhnt zu sein. Allein in meinem PLZ-Bereich gibt es 10 Tierärzte (im Alter von 25-45 Jahren). Über 10'000 Charolais-Rinder, Schafe und Pferde sind wohl der Grund dafür. Die kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit auf den Hof. Bei meinem letzten Kolik-Fall im Januar ist der TA innerhalb von 12 Stunden viermal vor Ort gewesen, auch abends um 22 Uhr, das ist hier noch selbstverständlich!

    Auch zum Einschläfern von Hund oder Katze kommt auf Wunsch der TA auf Hausbesuch.


    renatus

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