The Big Picture

  • Da in letzter Zeit viele "technische" Threads in Grundsatzdiskussionen ueber den Einsatz von Arbeitstieren in der heutigen Zeit ausarten, moechte ich ein neues Thema hier starten.

    Aber um in die Zukunft zu schauen muessen wir zuerst einmal wissen wo wir jerzt stehen und wie wir dahingekommen sind.

    Ich hoffe dass wir hier Ideen und Meinungen austauschen koennen ohne emotionell zu werden.


    Grundsaetzlich ist der Mensch ein Saeugetier und Allesfresser, dass hat ihm ermoeglicht die ganze Welt zu besiedeln.

    Die Ernaehrung und Behausung wurde den oertlichen Bedingungen angepasst. Kommunikation und Warentransport war langsam und muehsam.


    Die Entwicklung vom Alphabet ueber den Buchdruck, Telegraph, Radio zum 4G Network hat in Europa lange gedauert, in anderen Teilen der Welt daeuerte diese Entwicklung nur eine oder zwei Generationen.


    Wenn vor 300 Jahren die Trapper hier in Rocky Mountain House ihre Bieberfelle im August richtung England abschickten, bekamen sie im naechsten Juni Stahl, Pulver und Blei als Austausch zurueck. Der North Saskatchewan River ist im Winter gefroren und auf dem Landweg war es noch muehsamer.

    Heute bestelle ich Ersatzteile fuer Maschinen aus Europa uebers Internet und die sind nach einigen wenigen Tagen hier.

  • Die Idee des Thema's ist so weit, so gut.

    Ich weiss jetzt aber nicht genau was du damit meinst, bzw. was hat das mit dem Pferd als Arbeitstier zu tun?


    Sorry, wenn ich etwas falsch verstanden haben sollte ...... ???


    renatus

  • In welchem Land gab es in den 50 ern oder 60 ern Mobilfunknetze ??


    Ich würde mal den Durchbruch des Mobilfunkes auf Anfang der 90 er Jahre datieren ( gabs schon vorher vereinzelt ) minus zwei Generationen sind ca 30 - 40 Jahre .

    Edited once, last by Kasparow ().

  • Auch ich weiß nicht ganz recht, worauf Du hinauswillst, Rossknecht.


    Vielleicht wird das klarer, wenn Du uns Deine Sicht auf das Thema näherbringst - wo stehen wir? Welche Randbedingungen müssen wir uns näher anschauen und wie beeinflussen sie unser Leben und Handeln?


    Ich freue mich schon, Deine Meinung zu erfahren.

  • Kasparow : Du hast mich falsch verstanden, ich meinte in den einen 3. Welt Laendern hat die Bevoelkerung erst vor 2 Generationen schreiben gelernt, und jetzt gibt es schon Mobiltelephone.



    Ich will hier aufzeichnen wenn, wo und warum Pferde und andere Arbeitstiere eingesetzt wurden, damit wir sehen, welche Rahmenbedingungen geschafft werden muessen, damit der Einsatz von Arbeitstieren Zukunft hat.


    Die Zeitspanne wo ueberwiegend Pferde in der Landwirtschaft (in der weslichen Welt) eingesetzt wurden ist kuerzer als die Zeitspanne der Traktoren.


    Fortschritte in der Metallbearbeitung haben den Grundstein zur Industrialisierung gelegt, die Eisenbahn hat das ganze Transportwesen revolutioniert. Die Maehmaschine hat Schnitterkolonnen ueberfluessig gemacht.


    Es waere falsch nur zurueckzuschauen und zu sagen" Frueher ist es doch auch gegangen!" Die Rahmenbedingungen haben und werden sich laufend veraendern.

    Wer schreibt heute noch Briefe? Die Zeit der berittenen Boten sind vorbei. Die Zeit geht unaufhaltsam, die naechste Generation kennt Schallplaten, Musikkasetten, VHS und CD-ROM nur aus den Geschichtsbuechern.

  • Auch die Ernaehrung hat sich grundlegen geaendert. Bis vor 400 Jahren waren den europaeischen Voelkern weder Kartoffel, Mais noch Zuckerrohr bekannt. Ein Grossteil der Bevoelkerung ernaehrt sich heute von Nahrungmitteln die nur aus einfachen Kohlenhydraten bestehen, die industriell billig hergestellt werden. An einem Big Mac Menu ist Ketchup und das Fleisch das gesuendeste daran. Dazu kommt noch das keiner mehr koerperlich arbeitet, so also die Kalorien gar nie verbrennen kann.

    Viele leiden an Diabetes, weil der Mensch gar nicht fuer eine solche Ernaehrung gemacht ist.

    Es braucht Generationen bis sich eine Spezie genetisch an neue Bedingungen angepasst hat.


    Laut einer Studie reisen Lebensmittel im Durchschnitt 1500 Meilen, also 2400km

  • Du möchtest also, daß wir aus der Geschichte lernen und dann überlegen, wo ein sinnvoller Platz für Arbeitspferde in der heutigen Zeit ist und was wir ggfs. dazu tun können, daß es einen solchen Platz gibt - richtig?

  • Wer schreibt heute noch Briefe?

    ich, und das mit Füller bzw. Feder und Tinte ;-)

    Die Zeitspanne wo ueberwiegend Pferde in der Landwirtschaft (in der weslichen Welt) eingesetzt wurden ist kuerzer als die Zeitspanne der Traktoren.

    aber die Zeitspanne wo Rinder für landwirtschaftliche Arbeiten genutzt wurden ist, äh, seit anno dunnemal ...

    geritten wurden sie schon vor über 4.000 Jahren, da gibt es Felszeichnungen von "vornehmen Damen" auf Rind in der Sahara (sprich, als Transportmittel eingesetzt)

    es lag halt irgendwie nahe ein großes Tier einzusetzen wenn es um "größere" Transporte ging; da stand auch nicht die Geschwindigkeit im Vordergrund, da war das Ziel "heil ankommen"

    Finsternis kann keine Finsternis vertreiben. Das gelingt nur dem Licht.
    Hass kann den Hass nicht austreiben. Das gelingt nur der Liebe.
    »Kraft zum Lieben« Rede 1963, Martin Luther King (1929-1968)


    https://www.proasyl.de

  • Ardennerin : Genau!

    ich glaube dass zeno nicht nur Briefe schreibt, sondern auch Kopfrechnen kann, was die meisten Schulabgaenger nicht mehr koennen. Braucht es auch nicht, gibt ja ein app fuer das...


    Pferde hatten vor um die 100 Jahren Rinder ais Arbeitstiere ersetzt weil sie schneller waren. Als mein Grossvater den Betrieb von seinem Vater uebernommen hat, hatte er einen Ochsen. Die Staelle waren alle im Dorf und es wurde "Allemannische Dreifelderwirtschaft betrieben. So die Felder waren um das ganze Dorf verrteilt. Nach dem Melken wurde eine Ladung Mist von Hand geladen, zum Feld marschiert, etwas gegessen, Abgeladen, nach Hause marschiert, und dann war schon wieder zeit zum Melken. Da mit Pferden im Trab gefahren werden konnte, konnte 2 Ladungen ausgebracht werden. In der Schweiz hatten vielen Ihr Eidgenoss oder Train Pferd, so wurde natuerlich das genutzt anstelle von Rindern.

    Hier in Kanada wir alles mit (in kleinen Mengen) dem Pick-Up oder mit dem B-train (42t Zuladung) vom und zum Feld, sowie zur Vermarktung transportiert. Ein Kunde von mir vemarktet sein Getreide in den Staaten, 400 km ein Weg, faehrt morgens ab und ist abends wieder zuhause.

  • Man könnte überlegen, welche Entwicklungen parallel zum Ausscheiden des Arbeitspferdes stattgefunden haben. Damit könnte man wohl für Deutschland (West) - Ost weiß ich nicht - den Zeitraum grob zwischen 1955 und 1965 annehmen. Einverstanden?


    Angeführt wird dann immer die breite Verfügbarkeit von Traktoren auf den Betrieben. In der Wirtschaft gab es zu dieser Zeit einen wahren Boom, der Arbeitskräfte erforderte, die ggfs. durch die zunehmende Mechanisierung in der Landwirtschaft freigesetzt wurden. Parallel dazu fanden besondere Anstrengungen im Bildungssektor statt mit dem Ziel, die Benachteiligungen der Landbevölkerung zu vermindern/auszugleichen - auch das sprichwörtliche "katholische Mädchen vom Lande" sollte profitieren. Mit anderen Worten: menschliche Arbeitskraft stand nicht mehr in dem Maße zur Verfügung wie bisher.


    ... Fortsetzung folgt ...

  • Der Durchbruch fuer die Traktoren kam mit der Einfuehrung von Zapfwelle, Dreipunkt und Frontlader. Bevor war es oft unproduktiv einen Traktor zu benutzen, statt einem nur einem Fuhrman brauchte es einem Fahrer und jemanden der den Pflug fuehrte. Der Frontlader erspart muehselige Handarbeit beim laden. Zapfwelle und Hydraulik kann mit den modernen Vorderwagen ergaenzt werden, fuer den Lader hingegen sehe ich schwarz.

  • . Bevor war es oft unproduktiv einen Traktor zu benutzen, statt einem nur einem Fuhrman brauchte es einem Fahrer und jemanden der den Pflug fuehrte.

    Diese Epoche kann aber nicht lange gewesen sein , da es ja dann Zweischar- Anhänge-Pflüge gab die ohne Führung liefen . Das Auf und Ablassen geschah meines Wissens mit einem Seilzug vom Schlepper aus .

  • Man darf in diesem Zusammenhang nicht verkennen, dass der Traktor für viele Menschen und Tiere auch eine Erlösung war. Wie wurde das Spannvieh teils geschunden aus Unverstand, Ignoranz und Not. Die Arbeit mit Zugtieren erfordert eine große Begeisterung und Achtung vor der Kreatur und die wiederum hat und hatte nicht jeder. Auch heute sieht man Anspannungen (lose Halskoppeln, unpassende Kumte, ...) bei denen Mensch und vor Allem Tier mit dem Schlepper besser dran wären.

    Gleichwohl sehe ich in der Arbeit mit Zugtieren in gewissen Bereichen eine realistische Zukunft, vor allem für kleine Betriebe. Allein wenn man die Maschinenkosten anschaut.

  • Kasparow : Die Entwicklung der Pfluege und des Pfluegens ist regional sehr unterschiedlich. In der Schweiz ging es vom pferdegezogenenem Brabanter-Drehpflug direkt zum Einschar-Drehpflug fuer den Dreipunkt. Erst nachher ging die Entwicklung zum Mehrschar-Pflug.

    Im Gegensatz zu hier in Kanada, wo Mehrschar-Beetpfluege schon vor der Verbreitung der Traktoren im Einsarz waren. Pfluege wurden immer am Zugpendel angehaengt, ausgehoben zuerst mit Seilzug, dann ueber Hydraulikzylinder am Pflug. Seit der Einfuerung von Glyphosphate wurde der Pflug weitgehend verdraengt.

  • Was ist ein Brabanter-pflug ? Kommt das Wort Brabant nicht aus dem Niederländischen ?


    Du weisst es sicher besser , meine Eltern waren damals wahrscheinlich noch nicht mal geplant. Was ich mir jedoch nicht vorstellen kann dass ein Drehpflug der erst Pflug gewesen sein soll . Das war sicher eine Art Dorn der im Acker wühlte . ---dann Blech mit Anlage , Schar . Beetpflug ..

    Der Drehpflug kann nur eine Weiterentwicklung des Beetpfluges sein .

  • Die Ardennerin verlinkte Seite schaut Zahlen bis 2013, die aktuellen Zahlen sind sicher noch krasser, vor allem nach den Preiszerfall der Milch.


    Die Drehpfluege sind in der Schweiz zur selben Zeit aufgekommen wie die Pferde die Rinder als Zugtiere verdraengten.https://www.ott-landmaschinen.ch/firma/geschichte/


    Die Felder in Hanglage wurden quer zur Hanglage gepfluegt, die Schollen nach unten gewendet. Die Erde der untersten Furche wurde mit einer "Haerdbaenne"(Kreuzung zwischen Schlitten, Wagen und Schubkarre) and den oberen Feldrand transportiert und die oberste Furche aufgefuellt.

    In Steilhaengen wurde waehrend dem Krieg (Plan Wahlen) mit der Seilwinde und Beetpflug in Fallrichtung gepfluegt. Im Emmental sieht man heute noch die Eisenpfosten auf jedem Huegel die als Verankerung fuer die Seilwinde dient(e).

  • Ich habe fuer Kasparow noch ein Bild gesucht, das erste was Google ausspuckte war E.Schmids Pflug: https://laas.ch/Pferdekutscher/Pflug_Ott.JPG



    Der Strukturwandel betrifft nicht nur die Landwirtschaft, auch alle vor und nachgelagerten Gewerbe, sogar die Schulen. Ein Bekannter von mir wollte eine Farm in Saskatchewan kaufen, aber weil die Farmen so gross sind und der Durchschnitt der Farmer ist 55 Jahre, hat es fast keine Schulen. Seine Kinder haetten 2 Stunden ein weg Schulbus fahren muessen.


    In den Staaten wo die Amischen sich ausbreiten, passierte genau das umgekehrte, kleine Laeden werden eroeffnet, zahlreiche Handwerksbetrie siedeln wieder in laendlichen Gebieten an. Alles ist klein strukturiert, es muss ja mit dem Pferd erreicht werden.


    Genau das Gegenteil passiert wo sich die Hutterer ansiedeln, die sind der inbegriff der industriellen Landwirtschaft. Zwischen Wanham und
    Girouville (50km) sind 4 Kolonien wo das ganze Land aufgekauft haben. Alles was sie nicht selber herstellen , wir im Grosshandel in der Grosstadt gekauft. Werd die groessten und modernsten Maschinen sehen will sollte eine Kolonie besuchen

  • Das ist ja sehr spannend! Und ein gutes Beispiel für die Behauptung, daß das Bewußtsein das Sein bestimme:-;


    Nebenbei bemerkt - Ähnliches läßt sich derzeit bei den mühevollen Versuchen eine Verkehrswende einzuleiten beobachten. Selbstverständlich kann ich die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, Rädern, etc. befürworten und fördern, aber wie die in der Realität notwendigen (auf dem Land) weiten Wege in akzeptabler Zeit zurückgelegt werden sollen, wird nicht diskutiert. Infrastruktur und Lebensgewohnheiten sind auf die Benutzung von Autos zugeschnitten und nicht schnell zu verändern.


    Beim Einsatz von Pferden kämpft man mit dem gleichen Grundproblem, nicht wahr?

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