Das erste Verkehrstunnel der Alpen für Tragtiere

  • Ein Highlight meiner diesjährigen privaten Säumerwanderung war die zweimalige Begehung des „Buco di Viso“ – des ältesten Verkehrstunnels der Alpen. Es wurde in Rekordzeit zwischen 1479 und 1480 von Markgraf Ludwig II von Saluzzo für Tragtierkolonnen erbaut. Damals, gut 12 Jahre bevor Columbus nach Amerika aufbrach, war dies eine technische Meisterleistung auf knapp 3.000 m Seehöhe, wo die Witterung nur 3 Monate Bauaktivitäten zuließ (Schwarzpulver gab es schon, wurde aber noch nicht zum Sprengen eingesetzt.)




    (weitere Fotos zu meiner Tour hier im Forum unter: zur Abwechslung: Laufen mit Eseln


    Dieses Tunnel unter dem schwierig zu passierenden Colle delle Traversette sollte den ausgesetzten Übergang entschärfen und diese wichtige Handelsroute der Markgrafschaft Saluzzo auch in den Wintermonaten begehbar machen. Für Saluzzo war diese Route der einzige Weg, um vom befreundeten Frankreich her das damals in der Konservierung von Nahrungsmittel unentbehrliche Salz einzuführen, ohne das Territorium des feindlich gesinnten Savoyens betreten zu müssen.

    Interessant an diesem Tunnel ist auch, dass sein Lichtraumprofil viel über zu der Größe der in der damaligen Zeit im Alpenraum eingesetzten Tragtiere aussagt. Im damaligen Zeitraum begannen ja auch die Bischöfe von Salzburg mit der Zucht unserer Noriker, da sie für das damals blühende Saumwesen mehr und bessere Saumtiere benötigten. Das vorhandene Zuchtmaterial waren die Pferde der Pinzgauer Bauern, die für das Säumen eingesetzt wurden. Diese dürften (meine Vermutung, da den Historikern stichhaltige Beweise mangeln) damals so um die 1,35 Stkm. gewesen sein. Wie die Noriker sind auch wir Menschen seither größer geworden. 1,35 Stkm. dürfte für die damaligen Menschen eine ideale Größe der Tragtiere beim Beladen gewesen sein.


    Nachdem der Tunnel 2014 generalsaniert wurde, spekulierte ich damit, der Erste zu sein, der ihn nach dieser Sanierung mit einem Tragtier wieder begehen wird. Ich konnte aber erst 2019 mit meiner Eselin in die Cottischen Alpen fahren. Im steilen Anstieg zum Colle delle Traversette und später im schwierigen Anstieg zum Passo di Vallanta untersuchte meine Eselin recht interessiert verdächtige Knödel. Deren Struktur ließ mich schon damals vermuten, dass es mir mit meiner Erstbegehung wie Scott nach Amundsen ergeht:

    https://www.corrieredisaluzzo.…iro-di-Viso-con-gli-asini

    https://www.facebook.com/pg/ve…580095995814&__tn__=-UC-R

    Gratulation unseren italienischen Säumerfreunden. Sie hatten es eine Woche vor uns geschafft!:-]:thumbsup::thumbup:


    Wie haben umfangreiches Film- und Fotomaterial von meiner Tour, das wir jetzt im Winter entsprechend aufbereiten wollen. Einen Vorgeschmack kann ich mit einem kurzen Trailer geben:


    Lange Ohren sind meine Leidenschaft! Deine auch?

  • Auch von mir, großes Lob, Anerkennung und Respekt vor eurer Leistung. Und dann auch noch so viel auf Film festzuhalten; ist ja kein geringer Aufwand.

    Die Tunnelbegehung ist spektakulär, bei 75m scheint da bestimmt nicht viel Licht von einem zum anderen Ende.


    Was mich auch interessiert: hast du Solarpanele mit dabei? Oder was sind die glänzenden flachen Dinger auf dem Packsattel z.B. bei 3:55 Min. auf dem Video)?


    Gruß

    Walter

    Der wahre Pferdemann ist derjenige, der seine Pferde entsprechend den jeweiligen Anforderungen richtig anspannt, fährt und einsetzt

    A. Nemitz

  • Sehr, sehr schön! Da kann man als Flachländer nur neidisch werden:-;


    Ich habe die Trittsicherheit Deiner Eselin bewundert - ob Pferde das wohl auch schafften? Und noch etwas - sie ist so diszipliniert!

  • Meinem "Trans-Alpin-Kollegen" Albert großen Respekt für die körperliche Leistung (beider !) und für den wunderbaren, so beeindruckenden Film.


    A. Nemitz

    A. Nemitz

  • Sehr, sehr schön! Da kann man als Flachländer nur neidisch werden:-;


    Ich habe die Trittsicherheit Deiner Eselin bewundert - ob Pferde das wohl auch schafften? Und noch etwas - sie ist so diszipliniert!

    ich habe ja ziemlich Erfahrung im Gebirge und sehr trittsichere Pferde, aber nein, das würde ich nicht machen. Die Felsen sind ja das eine, die Hufe sortieren können sie bald einmal (obwohl, diese ganz spitzen, schräg abfallenden Platten wären schon ein Thema, wegen dem rutschen und einklemmen); und auch fast senkrecht abfallende, aber stabile Wege sind mit einem nervenstarken(!!!) Pferd kein Problem. Aber dieser Weg der steilen Geröllhalde entlang, da würde unweigerlich irgendwo der Weg abrutschen.

  • Was mich auch interessiert: hast du Solarpanele mit dabei?

    Ja, hatten wir. Wir mussten ja die Batterien von 3 Filmkameras, 2 Fotoapparaten und 2 Handys laden können. Handyempfang gab’s praktisch nirgends und manchmal auch keine Lademöglichkeiten auf den Hütten.

    .... Trittsicherheit Deiner Eselin .....- ob Pferde das wohl auch schafften?

    Es gibt sicher auch sehr trittsichere Pferde, denke da an die alten Haflingerschläge, Merens, Huzulen, Freiberger, …. Aber die Trittsicherheit liegt den Eseln halt im Blut und schenken diese auch den Mulis.

    ich habe ja ziemlich Erfahrung im Gebirge und sehr trittsichere Pferde, aber nein, das würde ich nicht machen. ....... Aber dieser Weg der steilen Geröllhalde entlang, da würde unweigerlich irgendwo der Weg abrutschen.

    Die Trittsicherheit ist bei Gebirgspfaden nicht allein ausschlaggebend. Du erwähnst die Gefahr des Ausbrechens von Wegen (Wege waren dort allerdings alle stabil und fast von „Säumerautobahnbreite“). Ja, da spielt stark das Gewicht und die Größe des Saumtieres eine Rolle. Auf schmalen Wegen sind kleine, wesentlich wendigere Tiere großen und schweren überlegen.


    Die schwierigsten Stellen waren die stark verblockten Passagen. Da habe ich aber mittlerweile gelernt, welche ich meinem Tier zumuten kann, welche ich bergauf noch machen kann, und wo es bergab ohne zu hohes Risiko nicht mehr vertretbar ist. Was aber dabei angesprochen werden sollte: mit Beschlag wäre auch bei meiner Eselin viel weniger vertretbar. Barfuß hat sie vielmehr „Friktion“. Und ich bewundere immer wieder, wie sie austestet, ob sie rutscht, bevor sie auf schräge Platten steigt, und oft auch einen anderen Weg wählt, wenn sie eine Stelle als gefährlich einschätzt.


    Und Vieles ist oft eine Frage der Perspektive. Unser Abstieg von Col Selliere bei Neuschnee und keinen erkennbaren Steigspuren hat auch bei mir den Blutdruck etwas angehoben, als ich von oben nach einer sicheren Möglichkeit suchte. Ich würde mein Tier nie bewusst in Gefahr bringen. Erst als ich genügend breite Bänder im steilen Gelände entdeckt hatte, auf denen auch bei einem Sturz von mir oder meinem Tragtier keine Gefahr eines Absturzes bestand, bin ich eingestiegen. Sonst hätte ich umgedreht:


    Lange Ohren sind meine Leidenschaft! Deine auch?

  • Ich wollte auch schon fragen, ob du dir sicher bist, dass da nicht vielleicht doch eine Bergziege eingekreuzt wurde. ;)

    Ihr seid ein tolles, eingespieltes Team, das sieht man sofort.

    Deine Eselin ist ein Traum! Unglaublich, wie sicher sie dir durch schwierigstes Gelände folgt (oder vorraus geht)! Wie süß sie schaut, als sie den Tunnel verlässt.

    Auch die Landschaftsaufnahmen sin großartig!

    Vielen Dank!

  • .... großen Respekt für die körperliche Leistung (beider !) ...

    War eigentlich eine meiner gemütlichsten und genussreichsten Touren der letzten Jahre!

    Die Cottischen haben ein ausgesprochen dichtes Hüttennetz. Da kann man wirklich gemütliche Tagesetappen machen. Und es kommt noch dazu, dass die Wirte auch der exponiertesten Schutzhütten sich dort der Tradition der italienischen Küche und Tischkultur verpflichtet fühlen. Unsere Tour war schon allein wegen der Hüttenlage eine Slow food Kulinarik auf höchstem Niveau.


    Die Tunnelbegehung ist spektakulär, bei 75m scheint da bestimmt nicht viel Licht von einem zum anderen Ende.

    Das Tunnel hat eine Steigung von ca. 10% von Italien nach Frankreich. Der Ausgang auf der französischen Seite ist eine hässliche Betonröhre. Nach wenigen Metern ist es zumindest für uns Menschen so ziemlich komplett dunkel.


    Bei unserer zweiten Begehung hatten wir in dessen Finsternis ein interessantes Erlebnis (Es gibt Situationen, die man so wohl nur einmal in seinem Leben erleben kann):

    Lange Ohren sind meine Leidenschaft! Deine auch?

  • Ich freue mich, daß letztlich alles gut ausgegangen ist. So etwas ist nichts für Unerfahrene und Möchtegerns.

    Wann wart ihr übrigens unterwegs oder hattest Du das erwähnt?

  • Wann wart ihr übrigens unterwegs oder hattest Du das erwähnt?


    Bin seit Sonntag zurück.


    Meine Säumerwanderung hat mich heuer in eine wunderschöne Ecke unserer Welt geführt: Cottische Alpen.

    Wir sind dort den "Giro di Viso largo" gegangen. Im Waldenser - Pellice Tal gestartet, haben wir in einer achtförmigen Tour den gigantischen Monte Viso umrundet. Dabei hatten wir teilweise stark verblockte Passagen, ausgesetzt und verschneit. Ich würde solche Touren nie mit beschlagenen Tieren gehen. Mein Esel ist nach den 100 km auf extremem, schottrigen Gebirgspfaden mit wunderschönen Hufen heimgekehrt – kein bisschen fühlig.

    Lange Ohren sind meine Leidenschaft! Deine auch?

  • was für ein Genuß! danke fürs Teilhaben lassen :thumbup:

    Finsternis kann keine Finsternis vertreiben. Das gelingt nur dem Licht.
    Hass kann den Hass nicht austreiben. Das gelingt nur der Liebe.
    »Kraft zum Lieben« Rede 1963, Martin Luther King (1929-1968)


    "Wer in der Hölle war, weiß, dass es zum Guten keine Alternative gibt."

    Jehuda Bacon, *1929, Auschwitz-Überlebender

  • (habt ihr bemerkt, dass beim anklicken des gelb unterlegten Textes ("hü!" "ich kann nicht, da ist ein Esel vor mir!") weitere Bilder und Text erscheinen? zu schön, um sie zu verpassen...)

  • Sehr, sehr schön! Da kann man als Flachländer nur neidisch werden:-;


    Ich habe die Trittsicherheit Deiner Eselin bewundert - ob Pferde das wohl auch schafften? Und noch etwas - sie ist so diszipliniert!

    hi Ardennerin,

    in Spanien Andalusien sind wir mal in den Korkeichenwäldern mit Pferden in den Bergen am Längertourritt mit den dortigen Stall/Weidepferden gewandert, wo es wirklich steinig und nur einzelne Tritte gab, die konnten das alle, habe gerade keine Bilder davon,
    war an der Ranch Los Lobos bei Jimena.

    Grüßle Mona

    Monamie

  • Wie die Welt doch klein ist!


    Mittlerweile habe ich erfahren, dass Luciano Ellena, ein Profisäumer aus dem südlichen Piemont, mit seiner Mulidame Dea am 18. August 2018 dieses Tunnel auch schon begangen hat.



    Besonders lustig finde ich aber, dass ich vorige Woche erfahren habe, dass der Assistent meines Hufschmiedes aus dem Nachbarort diesen Tunnel auf einem Wanderritt auch bezwungen hat – mit seinem Noriker. Da er über das Lichtraumprofil nicht informiert war, ist sein Noriker im finsteren Tunnel stecken geblieben und konnte nur mit Mühe durchgetrieben werden. Sein Reitsattel war anschließend Schrott. Da wähnte ich mich einmal als einen der Ersten, der dieses für mich weit entfernte Tunnel nach seiner Restaurierung im Jahre 2014 mit einem Saumtier begangen hat – und dann gleich einer aus der Nachbarschaft, der vor mir dort war.

    Lustig aber auch, da ich im vergangenen Oktober mit Wieser Hans (ARGE Noriker GF) kurz über die Widerristhöhe der Pinzgauer Bauernpferde diskutiert hatte, die zu Beginn des 16. Jhdts aus dem Bedarf des Saumwesens heraus als Ausgangsmaterial der Norikerzucht dienten. Die Widerristentwicklung des Noriker ist über die Jahrhunderte recht gut dokumentiert, beim Basismaterial muss man von den Bedürfnissen der Säumer ausgehen. Diese Pinzgauer Bauernpferde werden m.E. eine Widerristhöhe irgendwo zwischen 1,30 bis 1,40 gehabt haben. Eine Größe, die man in der Praxis weltweit bei Saumpferden oder –mulis findet. In dieser Diskussion erwähnte ich, dass das Lichtraumprofil des Buco di Viso (B = 2,5; H = 2 m) ein guter Hinweis auf die damalige Saumtiergröße sein müsste (Etwas mehr als 200 Jahre später wurde das bekannte „Urnerloch“ an der St. Gotthard Strecke - ursprünglich auch für Saumtiere mit ähnlichem Lichtraumprofil - errichtet). Mein Esel ist 1,30. Der stecken gebliebene Noriker ist der lebende Nachweis anhand des Buco di Viso, wohin sich die Widerristhöhe des Norikers aufgrund seiner Zuchtgeschichte und seinem Einsatzbedarf entwickelt hat.

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