Skandinavisches Kumtgeschirr

  • Liebe Pferdefuhrwerker,

    wir restaurieren gerade ein sehr altes schwedisches Kumtgeschirr. Leider dient das Original in den meisten Teilen nur zur Vorlage für den Nachbau. Hier im Norden können wir niemanden finden, der uns einen hölzernen Hamen baut. Hat jemand eine Idee, an wen ich mich diesbezüglich wenden kann? Viele Grüße Stella

  • Guten Tag,

    wenn man keinen Wagner o.ä. greifbar hat, kann man die Kumthölzer mit etwas Geduld gut selber machen.

    Entweder krumm gewachsene Eschen oder Robinien suchen und daraus das ganze raussägen oder alternativ aus schichtverleimtem Holz aussägen. Letzteres muss man lackieren.


    Könntest Du noch weiter Bilder des Kumts einstellen und die Region näher beschreiben, aus der es stammt?

    Grüße

    Florian

    Edited once, last by hafiking ().

  • Bei dem Geschirr handelt es sich wahrscheinlich um ein Värmlandgeschirr. Die Polster sind mit Ren- ,Pferde- oder Elchhaar gestopft. Auf dem Foto sieht man, dass der Hamen für mein Pferd evtl. zu eng ist. Es ist so verdreht festgerostet und im Urzustand nicht mehr ausdrehbar.

    Danke für deinen Tipp. Die Lederarbeiten übernehme ich selbst, aber an das Holz traue ich mich (noch) nicht. Das Foto kommt noch, es lässt sich nicht hochladen

    Edited once, last by stella ().

  • Ich liebäugele ja auch schon lange mit einem solchen Geschirr, deshalb finde ich Deinen "Selbstversuch" ;-) sehr spannend ( und hoffe, dass ich ihn hier noch weiter verfolgen kann ;()

    Zur Herstellung/Restaurierung kann ich nichts Hilfreiches beitragen ( außer einem Kontakt zu einem weiteren skandinavischen Sattler, der diese Geschirre ebenfalls komplett selbst herstellt https://www.yelp.de/biz/olaf-nyby-vognmannsservice-furnes , er ist auch auf facebook zu finden)

    Und ein Bild mit den Bezeichnungen der Einzelteile auf norwegisch http://www.kuskethor.no/plansjer.html


    Aber zur Passform würde ich gerne meine Gedanken äußern.Ich habe zwar noch nicht selbst damit gearbeitet, aber die Arbeit damit intensiv beobachtet.

    Insgesamt erscheint mir das Geschirr tatsächlich für ein deutlich kleineres Pferd gemacht zu sein:

    Die Holme des Kumts sind etwas zu kurz. Man könnte aber den oberen und unteren Kumtriemen etwas weiter stellen, so dass sich das Kumt besser an der Schulter anschmiegt.

    Der am Kumtholm ( bogtre) befestigte Zugriemen ( drott) ist zu kurz: wie beim Zweispännergeschirr soll er bis zuHöhe des " Kammdeckels" ( Høvre ) reichen, so dass die "Oberblattstrupfe" ( dafür gibt es anscheinend keine Bezeichnung) senkrecht herunter geht.

    Auch liegen die Polster ( høvreballe) des Høvre etwas zu eng zusammen- sie sollen eigentlich etwas weiter auf die Rippe reichen, damit der entstehende Druck ( der erheblich sein kann) nicht allein auf dem Rücken/Trapezmuskel lastet.


    Hier ist ein Video von einem sehr gut angepassten Geschirr https://www.youtube.com/watch?v=mfyMIJaaAPE


    Insgesamt bin ich bisher zu dem Schluss gekommen, dass das skandinavische Geschirr bzw die skandinavische Anspannung für das Gebrauchsfahren für meinen Geschmack nicht pferdeschonend genug ist:

    Durch die starre Zugverbindung über die Londen entsteht bei unterschiedlichen Manövern sehr viel Druck auf dem Høvre und das Pferd wird in seinen Bewegungen zum Teil stark beeinträchtigt.

    Sollte ich mir irgendwann eines anschaffen, werde ich es etwas modifizieren.

    Für die Arbeit mit schweren Lasten in unwegsamen Gelände ist es dagegen genial sicher, sofern die Pferde gelernt haben, damit umzugehen.

  • Das ist jetzt wirklich OT ^^ aber was für eine supergeile Kutsche ist das denn in dem Video...? Weis jemand was darüber? Du Pauline?

    LG Kathrin

  • Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Die Nyby Geschirre habe ich auch schon bewundert. Ich habe mich für den Schwedenimport entschieden, weil es vom Zoll her kostengünstiger ist. Die Hamen sind tatsächlich 10 cm zu kurz, so dass andere her müssen. Deshalb mein Gedanke, ob das vielleicht jemand in Deutschland kann. In Schweden gibt es mehrere Geschirrbauer, die das anbieten. Die Lederteile des Geschirrs werde ich vollständig erneuern. Wir haben hier ein modifiziertes Geschirr dieser Art auf einem Kleinpferd für Zugarbeiten im Einsatz. Die Kutsche zieht er allerdings mit Brustblatt, weil wir auch finden, dass es für ihn gemütlicher ist.

  • Ja, ein bisschen ;-)

    Dieser Wagen wurde speziell für die norwegische Leistungsprüfung der Døle-Pferde hergestellt.

    Mich erinnert er an Trainingswagen für Schlittenhunde - gut möglich, dass der Baumeister dort seine Inspiration gefunden hat.


    Der Wagen ( und die Prüfung) simuliert die Verhältnisse einer traditionellen Arbeitssituation: Er hat einen sehr niedrigen Zugpunkt ( --> niedrige Ladefläche), ist recht schwer ( mW ca 400kg) und breit ( kippsicher im abschüssigen Gelände), bietet dabei aber viel Komfort und Sicherheit für den Fahrer.

    Die Prüfung ist für alle norwegischen Rassen ( Lyng/ Nordlandshest, Fjordpferd, Døle) gleich.

    Sie beinhaltet An- und Ausspannen, Halten in Steigung und Gefälle ( natürlich ohne Bremse ;-) ), enge Wendungen in Schritt und Trab, aber auch Geradeaus.

    Das Augenmerk liegt dabei auf der Willigkeit und Leistungsbereitschaft in für das Pferd unbequemen oder sogar unangenehmen Situationen- diese Prüfung wird von 3-Jährigen absolviert!

    Bei den Fjordpferde benutzt man ( noch) einen "normalen", niedrigen Arbeitswagen, für die Lyng/Nordlands ( entsprechen in Größe und Kaliber einem kräftigen Isländer) werden mW einachsige Fohlenwagen genutzt.

  • Danke Pauline für die Erklärung :thumbup: wieder was gelernt, Doele-Pferde kannte ich bisher nicht!


    Und wenn ich wüsste, wo man so einen Trainingswagen kaufen könnte, das würd ich glatt machen!! Der niedrige Schwerpunkt und die breite Spur sehen mir sehr sympathisch aus :love:

  • Die Aufgaben der ZuchtLP in dem Video finde ich sehr durchdacht. Keine ganz leichte Sache für die jungen Hengste und Stuten