Con Carrozza attraverso Toscana, Autunno 2016

  • Con Carrozza attraverso Toscana, Autunno 2016



    Die fleißigen Helfer die das Erlebnis möglich machen:
    Monty, Bazilia, Tczaccer, Berra, Piaste, Herr Nemitz, der Mantas, die Christine, eine ganze Menge Leute vor Ort ...

    Montag, 19.9.2016
    Zwei Wochen lang kann ich mit – ich freue mich darauf wie ein kleines Kind. Am Anfang steht die lange Anreise, knapp 10 Stunden mit dem Auto sagt das Navi, nun denn, die Toskana ist es wert. In Bayern regnet es seit 3 Tagen aus Kübeln, also höchste Zeit sich die andere Alpenseite anzusehen. Vergeblich habe ich vor der Abfahrt versucht, die genaue Adresse des Palazzo Gran Ducale herauszufinden. Dort soll ich die restliche Gruppe treffen, die ja schon seit einer Woche unterwegs ist. Also gebe ich im Navi Alberese ein und behaupte, daß ich das eindrucksvolle Haus auch so wiedererkenne. Es kommt wie ich gehofft habe, gleich am Brenner schaltet sich die Sonne ein und zerreißt das feuchtkalte Nass in kleine graue Wolkenfetzen, die sich, je weiter südlich um so besser, im strahlend blauen Himmel verlieren. Der kalte Kaffee, die vielen Baustellen, das nach Kunstdünger schmeckende Zitronenlimo, alles ist vergessen als ich auf der buckligen Schnellstraße über den letzten Hügel komme und die Ebene überblicken kann. Da schickt mir das Palazzo schon lockend sein warmes Gelb entgegen. „Komm“, heißt das, „es ist nicht mehr weit“. Ich eile, ich fliege … ooops, fast hätte ich die freundlichen Helfer mit der Messpistole übersehen. Hoffentlich ist das nochmal gut gegangen. Ein großer Traktor in der Auffahrt macht mir gutmütig Platz, als ich gestikuliere, daß ich eine Verabredung mit dem altehrwürdigen Haus habe. Und dann bin ich da – endlich. Ich steige aus und muß erst mal einen Blick in die Runde werfen. Hat sich was verändert? Sind die Zitronen noch da? Wo steht gleich nochmal der Rosmarin, nach dem es immer so intensiv riecht? Sitzt der Wildschwein-Keiler, das Wahrzeichen des Maremma Nationalparks, noch auf seinem Platz und beobachtet das Land? Und der weiße Wandbrunnen, schau, eine Seite ist braun geworden. Die Spitzen am gußeisernen Gitter in der für den Landrover zu engen Auffahrt, waren die damals schon abgeflext? Und hier die Zitronen, doch, sie sind noch alle da, aber sie blühen gerade nicht und die Früchte sind noch grün. Das Haus lädt mich in seinen Vorgarten ein und teilt seinen Ausblick mit mir. Die Palmen werfen flüchtige Schatten über den Rasen und ein roter Kater streicht um meine Füße, selbstbewußter Gigolo, Streicheleinheiten fordernd. Sein Italienisch versteh ich.
    Es tröpfelt. Kurz.
    Ich bin angekommen.



  • Dienstag, 20.9.
    Die Sonne weckt mich, sie kitzelt meine Nase, öffnet mir die Augen und verspricht einen freundlichen Tag. Das was ich gestern Abend im Dunkeln bei der Heimkehr vom gemeinsamen Mahl noch als grüne, unreife Orangen definiert habe, entpuppt sich bei Tageslicht als kugelrunde - hmm, was denn nun? Sie reifen gelb aber schmecken überraschend süß mit einem Hauch von Bitter im Nachgang. Erst später erfahren wir, es ist eine extra Zucht aus Zitrone und Pampelmuse. Wir frühstücken in der Bar unten in der Dorfmitte, dem Treffpunkt und Nachrichtenstand für alle Einwohner und verabschieden uns von den Gästen der letzten Woche. Während von der restlichen Truppe ein zermahlenes Radlager an der Jagd-Break ergänzt wird, gehe ich einkaufen; wir wollen mittags ein Picknick machen, Ruhetag hin oder her. Gesten und vor allem die Geduld des Verkäufers ersetzen mein nicht vorhandenes Italienisch. Der ideale Platz für dieses Essen ist selbstverständlich im tanzenden Schatten unter den Palmen und Schirmpinien mit der zarten Brise Wind vor unserem Palazzo. Weil die neuen Mitfahrer auch schon angekommen sind, rücken wir die gußeisernen Tische, Bänke und Stühle zusammen und lassen uns auf ein vorsichtiges Kennenlernen bei Focaccia, Rohschinken, Pecorino, Fenchelsalami, Tomaten, Oliven, Wasser und Wein ein. Den Nachmittag verbringen wir in Talamone, einem kleinen Ort mit einer dicht von kleinen Schiffen belegten Marina. Hier hat die sonst so schroffe und steile Küstenlinie sich eine kleine Atempause vergönnt und eine geschützte, flache Bucht angelegt. Das Städtchen ist uralt, beherbergte früher der Hafen von Siena und stellt den südlichsten der Aussichtstürme des Maremma Nationalparks. Wer sich mit dem Auto in die schmalen Gässchen wagt muß aufpassen, daß er nicht unvermittelt mit dem Fahrzeug auf einer der vielen Treppen steht oder in einer der engen Kurven stecken bleibt. Wir stehen unter einem Feigenbaum und sehen nicht nur verlockende Früchte (schade, sie hängen zu hoch) sondern auch viele farbenfrohe Falter im strahlenden Sonnenlicht flattern. Leider sind auch die fast reifen Kaktusfeigen unerreichbar, die Opuntie steht in einer senkrechten Felswand der Steilküste neben dem Hafen. Ein Fischer entwirrt gerade seine Fangleinen – ein Geduldsspiel bei 3km Leine und hundert Haken. Der Reihe nach sortiert er sie Haken für Haken in einen Kork-Ring während er uns genau erklärt, was er da zu welchem Zweck macht. Es bleibt nach der Rückkehr kaum Zeit zum Duschen und Umziehen für das Abendessen: Schweinshaxen gibt es, aber wir sind schon mächtig voll von den Vorspeisen – Tagliatelli mit Steinpilzen und Ravioli mit Spinat und Pecorino, richtige Gaumentratzerl.





  • Mittwoch, 21.09.
    Ich bin schon früh wach und kann der Sonne zuschauen, wie sie die Nacht beiseite schiebt. Die Wolken läßt sie heute stehen, vielleicht regnet es ja, das würde diesem seit Monaten staub trockenen Land gut tun. Ich bin sowieso überrascht vom Restgrün, aber in der vergangenen Woche müssen die himmlischen Schleusen schon kurz für zwei mal offen gewesen sein. Nach dem Frühstück in der Bar unten am Marktplatz, umgeben von einheimischen Lehrern, Polizisten, Handwerkern, Straßenarbeitern und Büromenschen die alle vor der Arbeit noch diese klitzekleine Tasse Kaffee-Konzentrat brauchen, also nach dem Frühstück, bei dem mir ein vorwitziger Olivenbaumzweig über die Schulter schaut und seine noch unreifen Früchte anpreist, geht es zum Stall, der ein bißchen entfernt direkt im Nationalpark liegt. Zu meiner Überraschung ist alles schon fertig: vier Pferde stehen geduldig, bereits angespannt vor der Kutsche und lassen sich auch von den Hirschlausfliegen nicht stören, die unter ihren Schweifen Party feiern und Tarantella tanzen. Wir fahren am Ombrone entlang bis zur Mündung und bewegen uns dabei auf dem 2. Schlag; der ursprüngliche Weg wurde beim letzten Hochwasser unterhöhlt und an einer Stelle klafft ein großes Loch, groß genug um einen LKW darin zu verstecken. Jetzt ist parallel dazu eine weitere Fahrspur entstanden. Gleich beim ersten Tor erwartet uns eine große Herde Maremma-Rinder. Sie kennen das Spiel und lassen sich von uns, als wir uns vorsichtig mit dem Vierspänner durchfädeln, nicht ernsthaft stören. In der Tat, als wir weiter draußen an der Flußmündung an einem liegenden Tier vorbei müssen, steht die Kuh nicht einmal auf, beobachtet nur mit langem Hals, gespitzten Ohren und wachen Augen was wir treiben. Überall steht der Ginster, struppig und kahl, so ganz ohne Blüten oder Samenstände. Wir halten am Leucht- bzw. Wachturm und richten die Tafel im Schatten der Schirmpinien. Hellgelber Fenchel steht herum, seine Blüten schmecken intensiv, fast wie Anis. Es hat zwar inzwischen einige große, graue und tiefhängende Wolken, aber hier scheint immer noch die Sonne. Als unser Hunger gestillt ist, wir die Vogelbeobachtungsstation mit Sicht auf das Flußdelta und ein paar gelangweilte Reiher besichtigt haben und den Platz verlassen wollen ist es so dunkel, daß wir vorsichtshalber doch die Regenklamotten anziehen – es soll umsonst sein. Kein bißchen Wasser von oben, nicht jetzt. Beim Anspannen helfen wollen stell ich fest, daß ich schon lang kein Pferd mehr vor die Kutsche gebracht habe. Wie war das gleich? Jeden Handgriff muß ich überlegen, das ging schon mal schneller. Hoffentlich wird das wieder. Da es so heiß ist, halten wir auf dem Rückweg zum Palazzo beim besten Eisproduzenten von Alberese und weil das erste Eis so gut ist, bestellen wir gleich noch ein zweites. Der restliche Nachmittag ist frei, perfekt, denn es gibt mir Gelegenheit Bilder zu sortieren. Ein seltsames Geräusch schreckt mich von meiner Beschäftigung auf: das klingt wie – Regen?? Es schüttet dicke Wassersträhnen, am Fenster spritzt es bis in meinen Koffer. Kaum hab ich die Glasflügel geschlossen - dazu muß ich auf eine Leiter steigen, so hoch ist mein Zimmer - hat es auch schon aufgehört und es zeigt sich ein wunderschöner, farbenfroher Regenbogen der sich fast über die ganze Ebene spannt. Was für ein leuchtender Kontrast zum dunklen Grau des Schauers, der nach Süden weiter wandert und sein dringend erwartetes Nass über der roten Erde ausschüttet. Zu Abend essen wir heute auf einem Bauernhof. Hier werden unter anderem 80 Milchkühe betreut und Wein angebaut. Vor dem kleinen, versteckten Lokal (man muß sich anmelden bevor man hungrig ist) steht ein Granatapfel-Busch mit schweren, reifen Früchten. Im Garten fallen dunkel-lila Pflaumen ins grüne Gras und warten auf ein passendes Rezept. Die Köchin des Hauses tischt eigene Erzeugnisse und Meisterwerke auf. Wir überlassen ihr die Wahl des Menues. Schon die Vorspeise hat es in sich: mit Trüffelcreme gefüllte, walnußgroße Pfirsiche, Pecorino mit süßem, Sirup ähnlichem Aceto Balsamico, dazu ein Wein … Wir sind die einzigen Gäste und genießen neben der hervorragenden Küche und Rundumbetreuung die Ruhe und die Möglichkeit viele Fragen zur Landwirtschaft zu stellen. Spät abends geht es „nach Hause“.





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  • Donnerstag, 22.9.
    Vor dem Frühstück muß ich heute morgen nach den gelben Blumen sehen, die ich gestern im Dunkeln beim Vorbeifahren zum Palazzo im Scheinwerferlicht aufblitzen gesehen habe. Sie stehen ganz verloren zwischen den trockenen Resten der Vegetation unter den alten, buckligen Olivenbäumen. Tja, sind das nun Tulpen? Krokusse? Narzissen gar?? Um diese Zeit? Ich könnte schon verstehen, wenn hier das Frühjahr im Herbst stattfindet, wenn es den ganzen Sommer an Wasser fehlt. Die Schnecken sitzen dicht gedrängt an Pfosten und Bäumen, erinnern an Austernbänke. Die Ernte wäre leicht, wenn man sie essen könnte. Was sind das eigentlich für Löcher im Boden? Rundherum sind Haferkörner ausgeworfen? Und die runde Tenne ist nicht eben, sondern fällt nach außen hin ab, eigentlich logisch, nur unbeachtet. An ihrem Rand wächst Minze, ihr ätherisches Öl steigt beim Kauen der Blätter in die Nase. Wir besuchen wieder den Maremma-Nationalpark. Auf dem Weg dorthin fallen mir mannshohe Disteln auf, jemand hat sie in Reihe gepflanzt. Das sind doch, na klar, das sind verblühte Artischoken! Wir fahren heute von der anderen Seite in den Parco Regionale della Maremma, bei schönstem Wetter durch steinreiche Olivenhaine, vorbei an ins Versteck huschenden Damwild-Kühen, vorbei an einer Wildschwein-Mama mit zwei älteren Frischlingen, die sich beim Frühstück gestört fühlen, vorbei an im frischen Grün austreibenden Pinien, vorbei an blassblauer Kornrade neben einem Stachelschwein-Loch, vorbei an aufgeregt zwitschernden Schulklassen, sirrenden Radfahrern und bedächtig schreitenden Wanderern. Wir lauschen in die Stille (dazu muß unsere Kutsche wiederholt stehenbleiben) um zu hören wann der Linienbus auf dieser schmalen Strecke hinter uns kommt, und verpassen ihn trotzdem fast – gerade noch können wir ausweichen an einer breiteren Stelle und ihn vorbei lassen. Der freundliche Fahrer wartet dafür an der neu angelegten Endhaltestelle bis wir durch sind, bevor er zurück fährt. Diese schmalen Wege sind auch der Grund warum wir hier nur 4 Pferde anspannen, mit dreien nebeneinander wären wir zu breit für viele enge Wege und Stellen. Dafür kann immer ein Pferd die Kühle des Stalls genießen. Ich warte auf den großen Aussichtsturm, aber augenscheinlich sind wir heute von mir unbemerkt auf einen anderen Weg eingebogen und stehen zu meiner Überraschung plötzlich am Strand. Die Gäste steigen ab und tauchen ihren großen Zeh ins Mittelmeer, wir versuchen derweil die schlimme Fliegen-, Mücken- und Bremsenplage mit abgebrochenen Astwedeln von den Pferden abzuhalten. Zwei Mal legt sich der Monty fast hin, eingeschirrt oder nicht ist ihm egal, um die Plagegeister los zu werden. Er, der sonst gern mal ausschlägt, bleibt geduldig stehen, wenn man ihm den Bauch mit einem Wacholder-Ast freiwischt. Gute Idee hier nicht zu picknicken. An der Ombrone-Mündung, wo wir gestern gegessen haben, dort halten wir auch heute wieder. Abermals vertreibt das kleine Lüftchen die meisten Insekten, trotzdem sind die Pferde heute unruhiger als gestern. Bald haben sie es überstanden, von hier geht es auf bequemen Pfaden zügig zurück zum Stall. Auf dem Weg zum Palazzo verkosten wir das Eis nochmal, es ist mindestens so gut wie gestern. Abendessen gibt es ganz in der Nähe um 19.00 Uhr. Das Fischlokal ist hervorragend, der Fisch frisch aus dem Meer, mit Steinpilzen geschmort, und die Vorspeisen sind verführerisch. Zufällig treffen wir die Comtessa am Nachbartisch, bei der wir morgen nächtigen werden. Ich sehe ihren wunderschönen Park vor meinem inneren Auge, Vorfreude pur. Und Sonnenbrand auf der Nase …





  • Freitag, 23.9.
    Wir haben eine lange Strecke vor uns, 58km sollen es werden, also tummeln wir uns in der Früh. Wir nutzen die morgendliche Kühle gnadenlos aus. Was wir jetzt noch nicht wissen, es wird uns später helfen unseren Zeitplan auch nur annähernd einzuhalten. Das Gepäck fahren wir mit unseren Autos zum Stall, dort werden die Fahrzeuge gut auf uns warten können. Optimal sortiert passen alle Koffer so eben in den Landrover. Wir fahren mit dem Fünfspänner ein stetiges bergauf und bergab, diese sogenannte Ebene ist heute nicht flach, sumpfige Pfützen versuchen unsere Wagenräder fest zu halten, steinige, ausgespülte Spuren schütteln die Break durch, selbst Baumwurzeln wollen an unserem Wagen rütteln. Die Peitsche muß hin und wieder das eine oder andere Pferd antreiben, das funktioniert allen Unkenrufen zum Trotz auch gut beim linken und mittleren der Vorderpferde. Gezielt streicht das Ende des Peitschenschlags über den Hintern, ein sanftes Anstoßen ist es, ein Auffordern. Überall hat die Weinernte angefangen, „Lese“ kann man es nicht mehr nennen, Maschinen haben diese Arbeit übernommen. An einem steilen, schmalen Weg warten wir auf einen LKW der uns entgegenkommt. Der Platz reicht trotzdem nicht für uns beide. Wir biegen rechts ab auf eine kleine Privatstraße und kehren zwischen Schirmpinien, die förmlich zum Slalom einladen, um. Wir kommen gut voran – bis Berra fast ein Eisen verliert. Alle runter von der Kutsche, bevor wir weiter fahren muß das Hufeisen wieder befestigt werden. Wir spannen nicht aus, stellen uns nur etwas abseits und weisen die Autofahrer auf das Hindernis hin. Die Pferde kennen die Prozedur, für sie ist es willkommene Pause. Ein Hund kläfft von der Böschung herab bis er heiser ist. Die Jungs machen sich ans Werk. Erst den letzten Nagel lösen, dann kontrollieren ob das Eisen noch plan, noch brauchbar ist, dann wieder neu aufnageln, vernieten und grob richten. Die Feinheiten kann der Schmied im Stall machen. Wir sind hinten dran mit der Zeit – gibt es eine Abkürzung? Die Karte muß herhalten, selbstverständlich während dem Weiterfahren. Unsere Pferde merken die Ablenkung des Kutschers sofort und nutzen die Unaufmerksamkeit aus – mal schnell rechts abbiegen? Einen Versuch ist es wert … Gerade noch rechtzeitig sind sie wieder auf Kurs. Dafür haben wir jetzt die vielen kleinen Mini-Alpenveilchen entdeckt, zart rosa strecken sie uns ihre Köpfchen entgegen und wachsen im Pulk an den Böschungen. Jetzt wo wir nach ihnen Ausschau halten, können wir sie überall entdecken. Manchmal lassen sie sich durch Herbstzeitlose vertreten, aber meist stehen sie selber am Wegesrand. An einer Weggabelung bei einem Hof halten wir, nicht rechts oder links ist das Problem, die Scheibenbremsen machen Kummer. Ein Versuch sie hier an Ort und Stelle zu reparieren scheitert, was uns nicht vom Weiterfahren abhält. Wir haben die Pferde zum Aufhalten und eine Klotzbremse zusätzlich. Als wir von einem schmalen Feldweg auf dem wir unterwegs sind auf die Hauptstraße abbiegen wollen, blockiert die Feuerwehr mit einem Einsatzwagen diesen Plan. Nein, es brennt nicht, sie beseitigen nur die Reste eines Unfalls und geben uns die Weiterfahrt frei. Fast hätten wir dadurch eine kleine, giftgrüne Gottesanbeterin übersehen, die es sich auf der Armstütze der Vorderbank gemütlich gemacht hat. Sie findet, das sei der ideale Platz zum Putzen und wir beobachten sie begeistert. Das Klicken der Kameras stört sie überhaupt nicht, im Gegenteil sie klettert an meinem Arm hoch und erst als auch der letzte Flügel geputzt ist, schwirrt sie wieder ab. Endlich sind wir bei der Monika angekommen, ja genau, die mit den pflückfrischen Kirschen beim letzten Mal. Hier gibt es unser Mittagessen. Die Pferde stehen im Garten, im Schatten der Bäume, zum Fressen und Erholen und wieder stellt sich die Frage nach den Robinien oder Akazien. Das kleine Gewächs läßt sich partout nicht ausreißen, hoffentlich ist es eine Akazie. Von hier weg geht es praktisch nur noch bergauf, nicht steil aber doch eine ermüdend lange Strecke. Oben in der Villa BellAria ist die wilde, enge und kurvige Einfahrt zum Park. Letzte Woche ist hier die Bazilia mit dem Kopf an der Wand hängengeblieben. Es wird schmal und niedrig nach dem Tor in der Durchfahrt, noch niedriger, jeder duckt sich und kurz bevor man steckenbleibt, wird es plötzlich groß und weit. Dafür muß man sofort nach links abbiegen, sonst verheddert man sich und die Pferde in den Bäumen. Und dann kommt er, der Ausblick, der für das Abenteuer der Einfahrt entschädigt. Der Blick aus dem Park über das weite Land und die angrenzende kleine Stadt Campagnatico. Die Bazilia hat es übrigens ganz toll hingekriegt, jetzt beim zweiten Mal.





    http://www.spiegel.de/sptv/spiegeltv/tv-doku-ueber-zivilcourage-hinschauen-statt-weglaufen-a-1149258.html
  • Samstag, 24.9.
    Wir starten direkt vom Stall, der etwa 3km von unserer wunderschönen, romantischen, mit Romeo-und-Julia-Balkon versehenen Villa entfernt liegt. Beim Frühstück in den Gewölben entdecken wir nicht nur die Kachelbilder wieder, sondern auch ein Holzbrett, auf dem ein wichtiges Ereignis im Jahre 1928 festgehalten ist. Eine Sense ist darauf befestigt und das Bild darunter erzählt die Geschichte so, daß auch ich - ohne den italienischen Text zu verstehen – weiß worum es geht. Die Sense hatte sich ganz offensichtlich durch den Fuß eines Arbeiters gebohrt und seinen beiden Mitarbeitern steht die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben. Unseren Pferden steht eine deutlich kürzere Strecke bevor als gestern, anfangs an frisch geschälten Korkeichen vorbei geht es laufend bergauf, bergab, zum Teil durch dichten Verkehr. Die Polizei verschont uns diesmal mit ihren Begehrlichkeiten. Einheimische Pferde stehen in den Olivenhainen, eine nicht nur optisch schöne Kombination. Oliven schmecken bitter, die Pferde strafen sie dafür mit Missachtung. Warum werden Olivenbäume eigentlich jetzt beschnitten, wenn sie doch noch Blätter haben? Wir zerbrechen uns eine ganze Weile den Kopf weil das so völlig anders ist als vom Obstbaum gewöhnt. Die Antwort ist simpel: sie werfen ihre Blätter nie ab. Ich warte auf eine Gelegenheit wie letzthin, wo mir während der Fahrt eine kleine, grüne Birne direkt an ihrem Ast vor der Nase baumelte und noch bevor das Hirn seine Analyse „ist noch nicht reif“ auch nur gedacht, die Hand schon reflexartig zugegriffen hatte. Erfrischend war das harte Stück Obst trotzdem. Meine Gelegenheit kommt später und viel besser als erwartet: nach einer Pause soll ich mit vor auf den Kutschbock. Es geht noch eine Weile über Land, durch ein altes Städtchen mit seiner langen, schmalen Hauptstraße zwischen kleinen, aneinander gereihten Häusern und ihren Steinwänden, begrenzt von 2 Stadttoren, dann an einem Bahngleis entlang und ich ergötze mich an den Pferden, deren Aktion jetzt unmittelbar vor mir stattfindet. Das linke Vorderpferd, der Tzcaccer bandelt mit seinem Hintern immer wieder mit der Bazilia an, ich erfahre, die beiden sind auch im Privatleben beste Freunde. Wir haben den Ombrone mittlerweile zur Rechten, er ist kläglich schmal geworden, so ganz ohne Regen. Den uns begleitenden Hund begeistert die Gegend besonders, hier kann er laufen nach Herzenslust. Den Schlammlöchern, die sich auf unserem Weg breitgemacht haben und an der Kutsche festsaugen mit Vehemenz, denen weicht er einfach aus. Wir müssen durch und die Pferde haben ordentlich zu ziehen an dem Gewicht. Wir überqueren den Fluß viel weiter vorn als beim letzten Mal, ein Bergrutsch hat hier vor Jahren den sowieso sich immer in Bewegung befindlichen Flußlauf dramatisch verändert. Es geht über runde, kindskopfgroße Steine im Flussbett zum Wasser. Deutlich zeichnet sich bei diesem niedrigen Wasserstand die Furt ab. Hier vom Bock kann man die Probleme für die Pferde erst richtig einschätzen. Obwohl das Wasser kaum kniehoch ist, der Boden ist tückisch, rutschig für normale Schuhsohlen und erst recht für eisenbeschlagene Hufe. Das Wasser ist trüb und verhindert kategorisch die Sicht auf das Darunter. Ausgerechnet die Bazilia, die heute vorn in der Mitte unterwegs ist, war, als sie vor zwei Monaten neu dazu kam, absolut wasserscheu. Selbst Füße abspritzen war eine Überredung fordernde Aufgabe. Heute läßt sie sich von ihren Kollegen zu beiden Seiten und vom auffordernden Stimmkommando ohne Zögern ins Wasser treiben. Langsam aber regelmäßig über die Steine polternd geht es voran. Die Kutsche schwankt erheblich. Kaum sind wir drin im Fluß, sind wir auch schon durch. Diesmal hat es keine Seitenäste des Ombrone, die wir zusätzlich durchqueren müssten. Am anderen Ufer, im Schwemmsand, richten wir unser Picknick. Ich kann gerade noch verhindern, daß der Monty die vor seinen Füßen wachsende Engelstrompete frißt. Hinten, wo die Pferde angebunden im Schatten ihr Heu bekommen, kann ich nichts Giftiges entdecken. Dick und mannshoch sprießt dafür das dunkelgrüne Kraut der Artemisia, sie duftet so intensiv und aromatisch wie sie schmeckt. Bei der Weiterfahrt treffen wir auf Jäger, vorgewarnt auf der Jagdversammlung, konnten sie aber kaum glauben, daß wir es im Herbst durch den Ombrone schaffen. Wir sind den ganzen Nachmittag in Weinbergen unterwegs, hauptsächlich rote Trauben hängen fett und voll in der Sonne. Bei manchen hat man gezielt alle sie verdeckenden Blätter entfernt damit sie vor der Ernte noch so viel Hitze und Licht tanken können wie möglich. Wir sehen Maschinen beim Ernten, trotzdem erzählen uns am Abend die Gastgeber vom Castello di Argiano, daß die Beeren der guten Weine alle handverlesen werden, bevor sie in der Presse landen. Wir spritzen den Pferden den Schweiß vom Körper, ja, sie mußten sich heute anstrengen, auch wenn wir ein steiles Stück zu Fuß gegangen sind. Als wir vom Unterstand quer über die große Olivenbaum-bestandene Weide wieder zu den Häusern hochlaufen, finde ich Pilze. Gut sehen sie aus, ein bißchen wie Parasolpilze. Ich nehm sie mit und träume von Pilzragout, bis mir jemand erklärt, das seien wohl Amanita-Verwandte und weil sich keiner so recht auskennt, gibt es statt Pilzen Lamm mit Kartoffelgratin und einem warmen Apfelkuchen mit Mandeleis. Wir speisen auch in der alten, umfunktionierten Kapelle bei flackerndem Kerzenschein und ich freue mich schon mächtig auf morgen, wenn der Männerchor diese Steine wieder zum Leben erweckt.





  • Sonntag, 25.9.
    Ruhetag. Während die Jungs nach dem Frühstück die Autos von Alberese nach Siena schaffen lungern wir Mädels gemütlich herum. Hab ich herumlungern gesagt? Nein, wir sind selbstverständlich schwer beschäftigt: Spazieren gehen, Bilder machen, nach den Pferden sehen, eine Stachelschweinhöhle entdecken, das ausgekommene Pferd der Wirtsleute wieder einfangen (das ist im Garten zwischen den Stühlen und Gartentischen mit Gläsern, Weinkaraffen und Käse gar nicht so einfach, zumal die Stute immer wieder aus dem Stand über den Zaun springt und auf der Abkürzung durch die Küche besteht), Wäsche waschen, Ratschen, Mittagessen, Schlafen, am fürs Baden etwas zu kalten Pool plantschen, Sonnenbaden, uns fällt schon was ein zu dem Thema. Am Berghang unter dem steinalten, mauerrissigen Turm wachsen dicht und übereinander Opuntien, mit braunen Kaktusfeigen dick besetzt. Die Tochter des Hauses erklärt mir, die werden hier nicht nur gegessen sondern auch zum Färben benutzt. Die Gäste haben Sorge, daß das Konzert heute abend abgesagt ist, weil wir den Tagesplan etwas umgestellt haben. Wir versuchen viel zu erklären ohne etwas zu sagen, nennt man das Diplomatie? Nach einem kurzen Gang durch die Weinkeller und der Erklärung des Hausherrn zu den astronomischen Grundlagen, die seinen Weinbau beeinflussen, heißt es Abendessen, das Wort Dinieren trifft es besser. Schon vor dem Tor zur Kapelle flackern überall im Garten Insektenfackeln und der runde Tisch, der so zum Geschichten erzählen an der steinernen Brüstung einlädt, kann in der Mitte mit einem Feuer erwärmt werden; wie Lagerfeuer im Mobiliar. Die ganze Kapelle erstrahlt im Glanz der unzähligen Kerzen und des riesigen Lüsters der von der Decke hängt. Granatäpfel, Olivenzweige, Weinranken und noch mehr Kerzen auf silbernen Kadelabern vereinen sich zu einer königlichen Tafeldekoration. Die Flammen spiegeln sich in den Gläsern, uraltes, teilweise besticktes Leinen liegt vor uns mit hochherrschaftlichem Silberbesteck. Von einem riesengroßen blauen Triptychon an der Wand schauen die figur-gewordenen Gestirne unserem Treiben interessiert zu. Ich entdecke bekannte Gesichter, der Männerchor ist da. Jeder der Sänger hat sein eigenes Lied, wobei der restliche Chor ihn begleitet. Fehlt einer, fehlt das Lied. Abermals erklingen die herrlichen Akkorde und fein abgestimmten Harmonien in diesen Wänden, die Akkustik ist phänomenal in diesem betagten Gemäuer. Wir sitzen mitten drin in diesem voluminösen Klang. Wie ich es verstanden habe, sind die ältesten Teile der Kapelle aus dem 8. Jahrhundert. Zwischen den Liedern wird getafelt: immer neue Gourmet-Überraschungen aus den Erzeugnissen dieses Landstriches. Gegen 23.00 Uhr ist Schluß, ein trauriges, ruhiges Lied bedeutet das Ende. Noch zum Abschied Hände schütteln, dann die vielen Kerzen und das wärmende Feuer im Garten löschen. Als nur noch die Fackeln gegen die Mücken flackern, tappen wir die alte, von vielen Füßen uneben ausgetretene Treppe hoch zu unserem heimligen Appartement und sitzen noch ein bißchen am Tisch, verdauen den Abend bevor wir ins Bett gehen. Die Lichter und Lampen aus dem Tal blinken weiterhin im Dunkel der Nacht fröhlich zu uns hoch.








  • Montag, 26.9.
    Dies wird ein langer, greller, staubiger und steiler Tag und unsere Pferde müssen auf ein ordentliches Mittagessen verzichten. Anfangs bewegen wir uns in den Weingärten der Freschobaldis, ein stetes Rauf und Runter, viele Arbeiter sind unterwegs, an manchen Bergen wird noch mit der Hand gelesen. Mittlerweile sind unsere Augen geübter und wir erkennen die kleinen Unterschiede an den Reben: was ist neu, was bewässert, was trocken, was teilweise gestutzt, wo stehen Rosen, und ja, jede einzelne Reihe ist nummeriert. Große Gebäudekomplexe und Hinweisschilder lassen erahnen, daß viele fleißige Hände und Organisationstalent notwendig sind um die Trauben so zu ernten und zu verarbeiten, daß es ein guter Jahrgang wird. Später geht es durch Eichenwälder, zum Teil gezielt gepflanzt aber auch verwildert, mit Hinweisschildern auf Trüffelanbau. Hier ist die Erde so hell, daß sie weiß im Sonnenlicht gleißt. Und weil die kleinen Straßen durchs Hinterland kaum asphaltiert sind, nebelt uns jedes Fahrzeug mit feinstem Staub ein. Das muß bei Regen ganz schön glitschig … Haaalt! Eine hinterlistige Windböe hat mir den Hut vom Kopf geblasen. Der Mantas springt sofort los, kann ihn aber zu seiner Verblüffung nirgends entdecken. Nur das Hutband liegt im Staub der Straße. Zu zweit sind wir erfolgreicher und entdecken das farblich gut auf seine Umgebung abgestimmte Teil an der Böschung unterhalb der Straße hinter hell gepuderten Büschen. Schnell wieder aufgesetzt und weiter, mit 3 Fingern halt ich ihn von nun an fest. Mittags machen wir kurz Rast an einem Bachlauf der Wasser führt. Gierig schlürfen die Pferde aus den Eimern. Wir schirren nicht ab und müssen aufpassen, daß das ganze Mundstück zum Saufen in den Kübel taucht. Wir holen nochmal Wasser nach und ich schieb jedem Pferd ein Stück Apfel in den Mund. Das muß vorläufig reichen. Unsereiner hat auf die Schnelle jeder eine belegte Semmel verdrückt, das Wasser kommt aus Flaschen und die Äpfel essen wir beim Weiterfahren. Bei der Gelegenheit entdecken wir, daß unser Hinterrad Öl leckt. Stöhn, jetzt wo die Bremse so schön funktioniert. Schaut so aus, als wenn nochmal Reparatur angesagt ist. Wir finden unser Schlafquartier in Lupompesi und stehen auf einem Parkplatz von dem es mit unserem Fünfspänner augenscheinlich kein Entrinnen gibt. Mantas schlägt das großzügige Angebot von Herrn Nemitz aus, die Pferde zum Stall zu fahren. Ich gehe im Kopf alle Alternativen durch, keine sieht auch nur annähernd möglich aus. Am Rand begrenzt eine dichte, hohe Hecke den Platz auf 3 Seiten, die vierte Seite wird vom Hotel gebildet. Zwischen den Bäumen umkehren hieße Slalomfahren mit zu wenig Platz. Rückwärts und dann kehrt? Scheitert auch an den vielen Schattenspendern. Die lange, krumme Auffahrt rückwärts wieder zurück? Das wäre ein Kunststück! Ich bleibe auf der Kutsche, das will ich sehen. Des Rätsels Lösung? Zügig geht es vorwärts, auf die hintere Ecke des Parkplatzes zu, völlig falsche Richtung - und plötzlich treten die Büsche zur Seite und geben einen schmalen Feldweg frei. Nicht daß es einfach wäre, biegt er sich doch um 180° zurück zur Straße. Die Pferde nehmen ihr Herz in die Hand und drehen die Deichsel weiter und weiter, es klappt wunderbar und bevor ich mich‘s versehe sind wir auf dem Weg zum Stall. Hier hilft uns der Stallmeister beim Abspritzen der Vierbeiner, es hat 2 Wasserhähne, den mit Wasser zum Saufen und den zum Duschen. Das macht die Stallarbeit bequem und bald sind auch wir im Hotel. Ich bleibe staunend in der Zimmertür von meinem Appartement stehen: mein Wohnzimmerfenster ist eigentlich ein riesengroßer, steinerner Rundbogen, die Glasscheibe läßt sich nach innen öffnen und so liegt das Wohnzimmer quasi im Freien. Wunderschön, noch dazu die Aussicht auf eine Burg auf einem Hügel, der sich gerade eben mit Abendrot übergießt. Immer intensiver wird die Farbe, bis sie plötzlich bricht und einem dunklen Grau weicht.





  • Dienstag, 27.9.
    Mein Tag beginnt mit einem kurzfristig beim Frühstück überlegten Besuch auf der Burg nebenan, das dortige etruskische Museum läßt mich neugierig werden. Ich darf mitfahren wenn die anderen zur Stallarbeit ausrücken und gegen 10.00 Uhr würden sie mich wieder abholen. Unser Plan ist gut, leider nicht gut genug: das Museum macht erst um 10.30 Uhr auf. Bis ich das merke ist der Landrover auf dem Weg zum Stall. Hmm, wenn ich schon hier bin, kann ich wenigstens die Burg anschauen. Ich laufe durch die schmalen Gassen und freue mich an den vielen farbenfroh blühenden Geranien, Rosen, Mittagsblumen vor Wänden, die aus allem brauchbaren Steinmaterial was sich finden ließ gemauert wurden. Marmor, Gneiss, Ziegel, Kiesel, Sandstein, es ist wirklich alles vertreten. Es gibt 45 Hausnummern, es müssen eine Menge Leute auf dieser Burg wohnen. Fasziniert beobachte ich eine Katze beim Mäuse fangen, so konzentriert ist sie, daß sie mich gar nicht bemerkt. Immer wieder huscht das Opfer davon und sie muß nachjagen. Hinter der Katze bewegt, windet und rollt sich plötzlich ein fetter Wurm? Nein, das war wohl doch keine Maus, sondern eine Eidechse, die sich endgültig in einer engen, warmen Felsspalte in Sicherheit gebracht hat. Die Katze fällt auf den Trick nicht herein und sitzt noch eine gespannte Weile reglos da. Weil der Rundgang bald beendet, aber noch eine Weile hin ist bis ich abgeholt werde, mache ich mich auf die Socken. Immerhin hab ich gestern abend aufgepaßt, wo die Pferde stehen. Ich komme just in dem Moment an, als der 5-Spänner mit Schwung den steilen Weg nach oben auf die Landstraße nimmt. Was für ein Anblick! Timing ist alles. Wir holen die Gäste vom Hotel ab und ich komm schon wesentlich beruhigter auf den Parkplatz, jetzt wo ich weiß, wo der Notausgang ist. Trotzdem ist es wieder kitzlig und zwischen Zweige wegstreifen, Hüte festhalten, Filmen und einem schnellen Griff an die Reeling sind wir Mitfahrer voll beschäftigt. Der Weg führt uns den ganzen Tag durch unterschiedlich zusammengesetzte Wälder mit dichtem Unterholz. Dicker, über und über blühender Efeu fesselt alles was er erreichen kann. Für die großen, knorrigen Eichen hat er eine Vorliebe und verankert sie für alle Zeit an Ort und Stelle. Mit dem süßen, betörenden Duft seiner Blüten betäubt er seine Opfer jedes Jahr aufs Neue. An den Seitenbänken des Wegs stehen dicht und rosarot die Miniatur-Alpenveilchen und heben feudig grüßend ihr kleines Hütchen. Überall auf dem Waldboden kann man sie verstreut finden. Viele Korkeichen am Straßenrand sind geschält worden, die entfernten Rindenteile flach zum Trocknen ausgelegt. Es geht stellenweise sehr steil bergauf und bergab, die Mühen werden mit einem weiten Blick übers Land belohnt. Der Wind fächelt und säuselt heute fein dosiert, Licht und Schatten spielen lebhaft auf den Blättern miteinander. Auf einer Landwirtschaft überrascht uns ein opulentes Mittagessen, unter anderem Pasta mit einer Sauce aus grünen Tomaten und einem Rotwein mit 14,5% Alkohol. Der Hofladen bietet viele selbst hergestellte Waren und Weine, das Mittagessen als bestes Verkaufsargument. Danach das Suchbild der Woche: wo ist unser fünftes Pferd? Nein, es liegt nicht am Wein. Die Berra verschwindet zwischen den Zweigen eines Olivenbaums. Den ganzen Nachmittag wird es bergauf gehen, an einem recht steilen Stück rutscht auch noch das linke Vorderpferd, der Piaste, aus und fällt den anderen vor die Füße. Geistesgegenwärtig springt der Groom von der Kutsche. Zum Glück waren wir langsam unterwegs, trotzdem kommt auch das linke Stangenpferd, der Monty, ins Straucheln, bleibt aber auf den Beinen. Die anderen drei werden scharf nach links gerissen und müssen stehenbleíben. Bis der Groom vor kommt, steht der Piaste von allein auf. Nur ein Strang läuft jetzt unter seinem Bauch durch, sonst ist ihm nichts passiert, nicht einmal eine Schürfwunde, der Gute. Wir überqueren die Autobahn; wie ein Fremdkörper zieht sie durchs Gelände. Nach einem besonders langen Stück bergan dürfen die Fünf im Schatten verschnaufen, sie sind schweißnass von der Anstrengung. Wir beschließen, uns täte ein Nachmittags-Spaziergang gut und laufen derweilen vor. Überall wächst hier Erika und blüht. Bald holen uns die Pferde ein und liefern uns abends in einem Borgo ab, das sind Trutzburgen aus dem Mittelalter auf einer Hügelkuppe. Unser Gastgeber hat in diesem Borgo drei Häuser, die er als Hotel betreibt und schon das gespenstisch knarrende Geräusch meiner Zimmertür begeistert mich. Außen fast wie eine Ruine erscheinend, sind die Zimmer überraschend gemütlich und das Abendessen in der alten Taverne lecker. Über meinem Fenster haust eine Fledermaus-Familie, sie hat den Ausblick über die endlosen Wälder und das Meer von Hügeln jeden Tag. Was für eine Kinderstube! Unsere fünf Schwerstarbeiter haben heute jeder für sich eine große Box, dick eingestreut, und wir haben zu guter letzt noch alle Geschirre vom Vorplatz weggeräumt, damit sie den Wildschweinen nicht zum Opfer fallen.





  • Mittwoch 28.9.
    Die gute Nachricht zuerst: wir sind heute nur bergab unterwegs. Fast den ganzen Tag verbringen wir in diesem hellen Mischwald, ein großer Teil ist Nationalpark und liegt an der Merse, einem Zufluß des Ombrone. So viel Unterholz hat es stellenweise, daß wir nicht sicher sind, ob es überhaupt ein Durchkommen abseits der Wege gibt. Macchie nennt man das pflanzliche Chaos. Erdbeerbäume stehen am Weg, rote Farbtupfer in all den Grünnuancen. Mittags machen wir Picknick, der Rastplatz liegt unmittelbar am Ufer der Merse, bietet Schatten, Holztische und Bänke - und eine steinerne Grillgelegenheit, auf der jemand ein Glas mit Olivenöl vergessen hat. Darin steckt noch der Rosmarinzweig zum Beträufeln und Bestreichen des Fleisches. Eine Betonfurt führt durch das Flußbett und weil die Merse kaum Wasser führt, kommt man sich vor wie auf einer Brücke. Hurtig sind alle Pferde ausgespannt, die Gäste kümmern sich ums Essen. Als wir den Vierbeinern die wohlverdiente Erfrischung besorgen wollen, gibt es lange Nasen. Bremsflüssigkeit ist in die Eimer getropft, sie stinken nicht nur fürchterlich, so einfach geht das dickflüssige Gelee auch nicht ab. Kommt das Wasser nicht zum Pferd, müssen die Pferde ins Wasser. Nicht ganz einfach, wir müssen sie an der Betonbrücke vorbei über die Uferböschung nach unten führen, am besten Platz steht ein geparktes Auto und eins der Pferde tritt prompt gleich neben dem harten Beton in ein tiefes Loch. Was auf der Kutsche so einfach erscheint wird hier zum Geduldsspiel. Ein Pferd verweigert die Idee direkt aus dem Fluß zu saufen komplett. An dieser abgelegenen Stelle, wo uns kaum ein Auto begegnet ist, finden sich auf einen Schlag haufenweise Neugierige ein, überall stehen sie herum und schauen unseren mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen zu. Also dann, Heupause ohne Wasser. Mir fällt meine Jodseife ein und ich will es zumindest mit einem Eimer versuchen; statt heftigem Ölgeruch dominiert jetzt ein Hauch von Bremsflüssigkeit mit einer Prise Jod. Wir haben Glück, die Pferde akzeptieren es und jeder bekommt aus diesem Eimer ein Wasserangebot. Als wir weiterfahren, ändert sich das Land. Der Wald weicht Feldern, die zum Teil brach, zum Teil grob schollig gepflügt vor uns liegen. Aber es steht auch noch einiges an Hirse auf den Äckern; es ist eine andere Sorte als bei uns, wesentlich stämmiger gleicht sie Mais ohne Kolben und scheint noch gar nicht erntereif. Abends falle ich zur Haustür unserer Herberge „Il Ceppo“ hinein und vermutlich schaue ich so kaputt aus wie ich mich fühle. Der Hausherr fragt freundlich und einladend lächelnd, ob ich gern ein Glas Sekt zur Begrüßung hätte. Ich freue mich auf ein Gläschen, so vor dem Umziehen und Abendessen erscheint es mir als gute Idee. Nun, das Gläschen enthält etwa einen halben Liter Prosecco und mir ist lustig und warm ums Herz bevor ich auch nur über etwaige Vorspeisen im besten Restaurant von Siena nachdenken kann. Wir verabschieden die Gäste der letzten Woche und hoffen sie hatten Freude am Gesehenen und Erlebten. Morgen zum Frühstück werden wir einen von ihnen nochmal treffen, dann heißt es, die ganze Strecke auf zum Teil anderen Wegen zurück nach Alberese fahren.