Die Sache mit Ben
Im Herbst 2000 waren mein Mann und ich eigentlich nur auf einem
Kurztrip in seine Heimat Hessen. Kleiner Erholungsurlaub
vom Hochzeitstrubel.
Bei seiner Familie checkten wir ein und begleiteten sie natürlich
auch bei der Suche nach einem passenden Reitpferd für die
Tochter.
So kamen wir eines Nachmittags zu einem Pferdehändler, der
nebenbei auch noch Pferdeschlachter war.
Es wurden einige in Frage kommenden
Reittiere begutachtet, Probe geritten etc. Mein Mann und ich inspizierten
derweil die angrenzenden Weiden und es traf uns wie ein Blitz.
Da
kam unser Traumpferd auf und zu getrabt: ein herrliches Kaltblut,
ein Rotschimmelwallach der einem den Atem raubte. Nun ja, die
Tochter fand nun nicht das Passende, aber wir kamen eine Woche später
mit dem Hänger ins Hessenland und holten unseren "Ben" ab.
Natürlich hat ihn unsere 15 jährige Tochter dort vorher
auch geritten, er war gesund, wenn auch nicht ohne Temperament.
Wenig geritten und mehr gefahren worden sollte er sein.
Jetzt hatte
ich nach 5 Jahren Abstinenz ganz überraschend wieder ein Pferd! "Ben" bezog
seinen großen Offenstall mit riesiger Weide und mein Mann schloss
schnell Freundschaft mit ihm. Er hatte schließlich auch aus
Kindertagen Erfahrung mit den "Dicken", arbeitete jahrelang
im Forstbetrieb mit Percherons. Nach der Eingewöhnungszeit und
einiger Bodenarbeit longierte er ihn auch auf unserem Reitplatz.
Alles klappte prima und "Ben" schien sich auch wohl zu
fühlen. Bis, ja bis ich ihn eines Tages longieren wollte. Diesmal
war Peter aber nicht mit dabei, er ging derweil die Weide ab und
kontrollierte die Zäune, so ging ich mit dem "Dicken" allein
auf den Reitplatz. Nach der Aufwärmphase im Schritt forderte
ich "Ben" auf an zu traben. Das war mein Verhängnis!
Er legte die Ohren an und schlug in Richtung der Longierpeitsche,
mit der ich ihn gar nicht berührt hatte. Widerwillig trabte
er an und schüttelte wirsch den Kopf. Plötzlich und unerwartet
machte er auf dem Absatz kehrt, stieg wie in einem Black Beauty Film,
kam tanzend auf seinen Hinterbeinen auf mich zu und versuchte mich
mit seinen tellergroßen Vorderhufen nieder zu stampfen.
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Erschrocken
sprang ich zur Seite und machte ihm unmissverständlich klar, dass ich sein Verhalten nicht billigte. "Ben" war
wie ausgewechselt, fletschte seine Zähne und griff mich erneut
an.
Wäre mein Mann in diesem Augenblick nicht über den Zaun
gehechtet und hätte ihm reflexartig die Kette unseres Tores um
die Ohren gehauen, ich weiß nicht ob ich diese Attacke überlebt
hätte.
Augenblicklich
verwandelte sich das Pferd wieder in ein lammfrommes Tier und trabte
auf dem Zirkel. Ich bin wirklich nicht ängstlich
und denke niemals schlecht über ein Tier, aber das war für
mich ein Erlebnis der dritten Art. Zum ersten Mal in meinem Leben
hat ein Pferd regelrecht versucht mich zu zerstampfen. Ohne jegliche
Provokation
meinerseits.
Die nächste Zeit wurde immer schlimmer, obwohl ich
wieder und wieder versuchte mit ihm klar zu kommen. Sobald ich mit "Ben" irgendwo
allein war versuchte er mich wieder an zu greifen. Unsere Tochter wurde
mit Bissen attackiert als sie auf die Weide ging um Möhren zu
füttern. Im Offenstall beim einstreuen drückte er uns in
eine Ecke und versuchte zu schlagen. Nur noch "bewaffnet" wagten
wir uns in seine Nähe. Als er dann beim Reiten unsere Tochter
immer wieder abwarf, beim satteln bösartig biss und dann angriff,
entschlossen wir uns ihn weg zu geben.
Ein erfahrener
Kaltblutmann, der Planwagen fährt, sah ihn sich an. Er konnte alles mit "Ben" machen,
der brav vor dem Wagen und unter dem Sattel ging. Sehr schweren
Herzens verkauften wir unser Traumpferd, denn das Verhalten war
mir nicht geheuer.
Der neue Besitzer sprach von angeblich schlechten Erlebnissen mit
Frauen und das er ein wenig dominant sein. Lange kam ich über das Erlebnis
nicht hinweg, recherchierte seinen Züchter und telefonierte mit
ihm. Der konnte das Geschilderte nicht glauben, war "Ben" damals
sein Lieblingspferd, mit dem er an Holzrückewettbewerben teilgenommen
und ihn vor landwirtschaftlichen Maschinen gearbeitet hat.
Noch immer
steht ein Bild von dem Rotschimmel im Zimmer unserer Tochter, die
einfach nicht glauben konnte, was Menschen aus einem Pferd machen
können…
Mit
Gruß Thara |